Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

Die Sendlinger Mordweihnacht…

… Gegen Ende des 17. Jahrhunderts ernannte der kinderlose, spanische König Karl II., ein Habsburger, den Kurprinzen Joseph Ferdinand, ältester Sohn des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel zu seinem Nachfolger und Erben. Doch der Bub verstarb völlig überraschend 1699 im Alter von sechs Jahren. Als im letzten Testament Karls II. ein Enkel des französischen Königs Ludwigs XIV. zum Alleinerben Spaniens ernannt wurde, kam es 1701 zum Spanischen Erbfolgekrieg. Max Emanuel schlug sich auf die Seite der Franzosen. Am 13. August 1704 erfolgte in der zweiten Schlacht bei Höchstädt die Niederlage der bayerisch-französischen Allianz. Der Kurfürst floh in die Spanischen Niederlande – heute Belgien – Bayern wurde von den Truppen der Habsburger besetzt…

… Der österreichische Kaiser Joseph I. ließ die Steuern drastisch erhöhen, zudem trat im gesamten Kurfürstentum eine Zwangsaushebung in Kraft, d. h. die Männer Bayerns wurden teilweise mit recht rüder Gewalt zum Militärdienst genötigt. Wer die überhöhten Steuern nicht zahlen konnte, fiel Plünderungen und Zerstörungen zum Opfer…

… In der Bevölkerung regte sich heftiger Widerstand. Unter der Losung „Liaba boarisch sterbn wia kaiserlich verderbn!“ kam es immer häufiger zu Attacken gegen die Besatzer. Im frühen Winter 1705 wurden die Städte Burghausen, Braunau und Kelheim von den Aufständischen besetzt…

… Matthias Aegidius Fuchs und Georg Sebastian Plinganser, zwei der herausragenden Anführer der revolutionären Bewegung, schmiedeten den Plan, mittels einer Art Sternmarsch sämtliche Aufständischen beim Kloster Schäftlarn, etwa 20 Kilometer südwestlich von München gelegen, zu versammeln, um die Habsburger Truppen aus der Hauptstadt und letztendlich aus ganz Bayern zu vertreiben…

… Doch der sorgfältig ausgetüftelte Plan schlug fehl. Die Rebellen – etwa 16.000 an der Zahl – wurden von kaiserlichen Truppen aufgerieben. Etwa elfhundert Aufständische lagerten bei Sendling, und warteten in der bitterkalten Christnacht ungeduldig auf weitere Befehle. Dann gingen auch hier kaiserliche Truppen in Stellung. Die bayerischen Oberländer ergaben sich. Die Offiziere der Besatzer nahmen zum Schein die Kapitulation an – und ließen danach die Unbewaffneten, die sich teilweise auf den Friedhof der kleinen Kirche St. Margaret geflüchtet hatten, grausam niedermetzeln. Nur einige wenige überlebten das entsetzliche Blutbad, dem ca. 1.100 Männer zum Opfer fielen. Man schrieb den 24. Dezember 1705…

… Das Dorf Sendling lag damals einige Kilometer außerhalb der Tore Münchens, inzwischen ist es von der Millionenstadt völlig verschluckt worden. Nur einigen Anwesen rund um die Kirche St. Margaret, dem Hauptschauplatz des Gemetzels, wohnt noch eine leichte dörfliche Atmosphäre inne. Das kleine, ursprünglich spätgotische Gotteshaus wurde in der Sendlinger Mordweihnacht dermaßen schwer beschädigt, dass es abgerissen und zwischen 1711 und 1713 im barocken Stil wieder aufgebaut wurde…

… Auf dem früheren kleinen Friedhof hat man auf einem verwahrlosten Grabhügel, unter dem etwa 500 ermordete Aufständische ihre letzte Ruhestätte gefunden haben sollen, 1830 eine Gedenkstätte errichtet. Auch heute noch werden hier, sowie in anderen Schauplätzen des Volksaufstandes – Wasserburg, Miesbach und Bad Tölz – am späten Nachmittag des Heiligabend Kränze niedergelegt und mit Fackelzügen bayerischer Traditionsvereine und Schützenverbände der Toten gedacht…

… An der nördlichen Außenwand des Kircherls St. Margaret befindet sich unter einem kleinen Satteldach ein im Jahr 1830 geschaffenes Fresko, das die Sendlinger Mordweihnacht darstellt…

… Am 8. Januar 1706 erlitten die Aufständischen in der Schlacht von Aidenbach, etwa zehn Kilometer westlich von Passau, eine verheerende Niederlage. Nach Friedensverhandlungen in Salzburg kapitulierte am 18. Januar 1706 Burghausen als letzte von den Rebellen noch besetzte Stadt. Dies war das Ende der bayerischen Volkserhebung. In Folge milderte die Habsburger Kaiserliche Administration in Bayern ihren Kurs. Die Steuern wurden deutlich gesenkt, und die Zwangsrekrutierungen eingestellt. In den nächsten neun Jahren unter kaiserlicher Herrschaft konnte sich Bayern wenigstens in bescheidenem Maße wieder etwas erholen…

… Hatte die sogenannte bayerische Volkserhebung früher eine eher regionale Bedeutung, wird sie von vielen Historikern mittlerweile als „erste Revolution der neueren Geschichte“ angesehen…

… Einige Impressionen aus dem Inneren des Sendlinger Kircherls St. Margaret…


5 Antworten zu “Die Sendlinger Mordweihnacht…”

    • Das finde ich auch! Ich bin an Weihnachten zufällig im WWW darauf gestoßen, und dachte mir, eine kleine Geschichtsauffrischung kann nie schaden. 😉
      St. Margaret ist in der Tat ein liebliches Kleinod.

  1. Danke für diese interessante Geschichte, von der ich zwar mal hörte, aber bis jetzt nicht wußte worum es ging. Wußte gar nicht, dass in Sendling eine so schöne Kirche steht. Danke! LG Michael

    • Schräg gegenüber hat man Ende des 19. Jahrhunderts den riesigen Neubau einer Kirche hingeklotzt. Die ist zwar ebenfalls sehr schön und beeindruckend, doch das kleine Kircherl, das in der Münchner Geschichte eine so dramatisch-traurige Rolle gespielt hat, geht daneben fast völlig unter.