Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

John Maynard…

… von Theodor Fontane…

… Wie ich neulich auf Facebook auf dieses Gedicht stieß, kam mir unverzüglich die Erinnerung daran, dass ich, als ich es so im Alter von vielleicht elf, zwölf Jahren zum allerersten Mal vorgetragen bekommen hatte, heulen musste wie ein Schlosshund. Ich hatte mir diese dramatischen Szenen an Bord der „Schwalbe“ im weiten Eriesee so dramatisch vor meinem inneren Auge ausgemalt, und mit dem tapferen Steuermann John Maynard so sehr gelitten, dass ich völlig die Fassung verloren hatte. Mir ging das noch lange nach, auch nachdem man mir zur Beruhigung erzählt hatte, dass in der wahren Begebenheit, die diesem Gedicht zugrunde liegt, der Held der Geschichte überlebt hatte (auch wenn er später völlig verarmt und verwahrlost als Trinker gestorben ist)…

John Maynard! “ Wer ist John Maynard?“
“ John Maynard war unser Steuermann,
aus hielt er, bis er das Ufer gewann;
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
John Maynard!“ —

Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug
wie Flocken vom Schnee,
von Detroit fliegt sie nach Buffalo;
die Herzen aber sind frei und froh,
und die Passagiere mit Kindern und Frau’n
im Dämmerlicht schon das Ufer schau’n
und plaudernd an John Maynard heran
tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?“
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund’:
“ Noch dreißig Minuten…Halbe Stund’.“

Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei —
da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei;
“ Feuer!“ war es, was da klang,
ein Qualm aus Kajüt’ und Luke drang,
ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

Und die Passagiere, bunt gemengt,
am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,
am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
am Steuer aber lagert sich’s dicht,
und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? Wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.

Der Zugwind wächst,
doch die Qualmwolke steht,
der Kapitän nach dem Steuer späht,
er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
aber durchs Sprachrohr fragt er an:
“ Noch da, John Maynard?“
“ Ja, Herr. Ich bin.“
“ Auf den Strand! In die Brandung!“
“ Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus! Hallo!“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt’s
mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s!“
Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein;
soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Rettung: Der Strand von Buffalo.

Das Schiff geborsten, Das Feuer verschwelt.
Gerettet alle. — Nur einer fehlt! —

Alle Glocken gehen; Ihre Töne schwell’n
himmelan aus Kirchen und Kapell’n,
ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
ein Dienst nur, den sie heute nur hat:
Zehntausend folgen oder mehr,
und kein Aug’ im Zug, das tränenleer.

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
mit Blumen schließen sie das Grab,
und mit goldner Schrift in den Marmorstein
schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

„Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand
hielt er das Steuer fest in der Hand,
er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,
er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

John Maynard.“


17 Antworten zu “John Maynard…”

    • Ich hatte dieses Gedicht bis vor ein paar Tagen überhaupt nicht mehr „auf dem Schirm“, hab mich aber auch sehr darüber gefreut, dass es mir nach so langer Zeit mal wieder untergekommen ist. 😉
      Danke schön! Liebe Grüße, und komm gut ins Wochenende!

  1. Ich mag die Fontane-Gedichte sehr. Wir hatten eine Fontane-Gesamtausgabe im Bücherschrank und ich hab das als Kind und Jugendliche gelesen. Später nicht mehr, was ich jetzt als schade empfinde.
    Durch eine Bekannte wurde ich auf fb wieder auf Fontane aufmerksam und auf seine Wortwahl. Dramatik schildern, Gefühle ausdrücken – das hat mich schon immer beeindruckt.
    Herzliche Grüße

    • Ich habe von meinem Vater vor etlichen Jahren einen ganz dicken Fontane-Sammelband geschenkt bekommen. Den könnte – und sollte! – ich auch mal wieder zur Hand nehmen…
      Liebe Grüße!

  2. Sehr schöne schwarz/weiß Aufnahmen! Das Gedicht weckt Erinnerungen – ich musste es mit 14 bei einer Feier vor Publikum vortragen. Ich fand es schön damals sehr bewegend, heute bringe ich leider nur noch einige Zeilen zusammen. 😒

    • Danke, liebe Grethe! 🙂
      Dieses Gedicht ist auch wirklich sehr bewegend. Aber zum Glück muss ich heute nicht mehr heulen, wenn ich es lese oder höre. 😉
      Liebe Grüße!

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