Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

Alois Irlmaier – der Prophet vom Rupertiwinkel

Der älteste Sohn der Bauernfamilie Irlmaier vom Bruckthalerhof in Oberscharam, einem kleinen Sprengel nahe der Gemeinde Eisenärzt, heute Siegsdorf im Landkreis Traunstein, erblickte am 8. Juni 1894 das Licht der Welt. Bereits als er noch ein kleiner Schulbub war, fiel auf, daß ihm die Hände unkontrolliert zu zittern begannen, sowie die Adern übermässig anschwollen, sobald er in die Nähe einer Wasserader geriet. Im Mai 1903 wird sein einziger Bruder Johannes Babtista, genannt „Sommerhansl“ geboren.

Die gesamten vier Jahre des Ersten Weltkrieges verbrachte Alois Irlmaier in Russland. Er erhielt einen nur schwer zu heilenden Lungenschuß und verbrachte lange Zeit im Lazarett. Kaum genesen, wurde er in einem Schützen-Unterstand durch einen Granatwerfer-Volltreffer verschüttet und erst nach vier Tagen geborgen.

Im Dezember 1918 kehrte der vom Kriegsdienst schwer gezeichnete, junge Mann in die Heimat zurück, ungefähr eineinhalb Jahre später ehelichte er die nahe Ruhpolding geborene Maria Schließlinger und übernahm das elterliche Anwesen. 1922 kamen die Tochter Maria, 1923 der Sohn Alois zur Welt, der Ziehsohn Johann Stöckl wurde in die junge Familie aufgenommen.

Am 29. September 1926 brannte des Nachts der Bruckthalerhof bis auf die Grundmauern nieder, Alois Irlmaier und die Seinen konnten sich retten, sie verbrachten die nächste Zeit im sogenannten „Austragshäusl“ der Großeltern. Die Brandursache blieb unbekannt, man ging jedoch inoffiziell von einem mutwilligen Anschlag aus. Während des folgenden Jahres versuchte der junge Bauer, mittels „Brandbetteln“, das heißt, nachbarlicher Hilfeleistungen, die in Schutt und Asche gelegten Gebäude wieder zu errichten. Durch den zu groß geplanten Neubau und die damalige Weltwirtschaftskrise übernahm er sich jedoch völlig, der Hof musste versteigert werden.

Alois Irlmaier zog mit den Seinen nach Freilassing, einem kleinen Städtchen nahe der Grenze zu Österreich. Er siedelte sich in einer Villa am Ortsrand an, verdiente mit dem Vermieten einiger leer stehender Räume und Arbeiten als Installateur seinen Lebensunterhalt. Mit der Zeit spezialisierte er sich auf das Suchen von Wasseradern und unterirdischen Quellen und auf Brunnenbau. Bis zu seinem Tode war er dank seines unerklärlichen, phänomenalen Gespürs als Finder verborgener Rinnsale, Bäche und Wasservorkommen über die Maßen erfolgreich. Um seiner Begabung nachzukommen, benötigte er in den meisten Fällen nicht einmal eine Wünschelrute, die ausgestreckten Hände, die gespreizten Finger genügten. Wenn er gefragt wurde, was denn nun so in ihm vorginge, wenn er sich in der Nähe eines unterirdischen Reservoirs befände, antwortete er stets: „Es wurlert (kribbelt) in meine Händ‘, sie fangan an zum Zittern und zum Schütteln.“ Dies wurde von einer Vielzahl Zeugen bestätigt.

Gegen Ende der Zwanziger Jahre hatte er, nach eigenen Schilderungen, auch seine erste Vision. In einer Bauernstube in Kuchl, Salzkammergut, trat die Gottesmutter Maria aus dem Rahmen eines im Herrgottwinkel hängenden Bildes heraus, umgeben von den zwölf heiligen Nothelfern, und lächelte ihm zu. Seine außersinnlichen Wahrnehmungen setzten ein. Er begann, „Mannderln und Landschaften“ zu sehen, „Tote und Lebendige“. Es sei, „als tät‘ sich vor’s normale Buidl a ganz a anders schiab’n, manchmoi ganz deutlich, manchmoi verschwomma, ois tät‘ i’s durch a Muichglasscheib’n seg’n.“ Beim Anblick seiner Mitmenschen konnte er in rasender Geschwindigkeit sowohl deren Vergangenheiten, Charaktereigenschaften, Krankheiten, Familiengeschichten erkennen, als auch das zukünftige Schicksal. Zu Tode gekommene Angehörige nahm er wahr, grade während der grauenvollen Jahre des Zweiten Weltkrieges oftmals dermassen entstellt und von ihren Leiden gezeichnet, daß Alois Irlmaier vor Entsetzen nicht dazu in der Lage war, seine Gesichter in Worte zu fassen. Er wurde von den Polizeidienststellen des sogenannten Rupertiwinkels, wie der Landstrich vom Salzburgischen über das Berchtesgadener Land bis hin zum Chiemsee genannt wird, häufig zur erfolgreichen Aufklärung von Verbrechen hinzu gezogen.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Irlmaier immer häufiger um Rat und Auskünfte in privaten Nöten aufgesucht. Er stellte sich in seiner Bauhütte auf dem eingezäunten Grundstück seines kleinen Brunnenbauer-Unternehmens stunden-, tagelang zur Verfügung. Seine Angaben über Vermisste, Gefallene, über gewesene und kommende Ereignisse wiesen eine ungemein hohe, mit Zufall keineswegs zu erklärende Trefferquote auf. Seine Vorhersage über die am 25. April 1945 zweimal erfolgten Brandbombenangriffe auf Freilassing rettete ungezählte Menschenleben.

In den frühen Nachkriegsjahren äußerte der hellseherische Brunnenbauer seine Visionen über eine zukünftige, weltweite Katastrophe, welche die Menschheit gar arg bedrohen würde. Die von seinem getreuen Chronisten, dem Traunsteiner Druckereibesitzer Dr. Conrad Adlmaier stenographierten Aussagen Irlmaiers werden nur allzu gerne als Ankündigung eines Dritten Weltkrieges, eines politischen Umbruchs und letztendlich der geläuterten Rückkehr zu „alten“ Werten wie Religiosität und Monarchie gedeutet. Alois Irlmaier ist als schlichter, katholisch erzogener und geprägter Bauernbub heran gewachsen, er hatte selber immer wieder betont, daß ihm beim Deuten seiner außersinnlichen Wahrnehmungen oft genug die Worte, die Weltgewandtheit, die Bildung fehlen würden, um das Erschaute verständlich erklären zu können, er hatte auch stets bekannt, daß ihm bisweilen Dinge, Ereignisse gezeigt werden würden, die er in keinster Weise interpretieren, in „menschliche Sprache übersetzen“ könne.

Im Jahre 1954 bestätigte das Amtsgericht Laufen während eines Prozesses wegen Gaukelei gegen Irlmaier aufgrund einer Vielzahl von Aussagen dessen „… verblüffende, mit den bisher bekannten Naturkräften kaum noch zu erklärende Zeugnisse für seine Sehergabe…“ Der Hellseher, welcher für seine ins Unmässige wachsenden Konsultationen nie auch nur einen einzigen Pfennig Entgelt verlangt hatte, brach unter den unablässig an ihn gestellten Anforderungen buchstäblich zusammen. Sein sehnlichster Wunsch, schon seit langer Zeit, war, daß diese „Gabe“, mittlerweile eher ein Fluch, von ihm genommen werden würde. Er sah sich Schmähungen als Gewinnler und Scharlatan ausgesetzt, seine zwar bärbeißige aber ausnehmend fürsorgliche Frau ließ um sein Grundstück einen Stacheldraht ziehen, kaufte einen scharfen Hofhund, stellte ein Schild auf: „Ist nur noch in Angelegenheiten des Brunnenbaus zu sprechen“ und rieb sich förmlich auf in dem Bestreben, ihren Gatten vor den mitunter tagelang ausharrenden, bedrohlich wirkenden Massen Hilfe- und Ratsuchender, teilweise aus aller Herren Länder, zu schützen. Sie verstarb am 5. September 1957.

Alois Irlmaier folgte ihr kaum zwei Jahre später, Leberkrebs war das Leiden, welches ihn recht schnell dahin raffte. Ihm waren außergewöhnliche, Aufsehen erregende, bestürzende, beunruhigende Fähigkeiten zu Eigen gewesen. Seine Biographie (Alois Irlmaier, Der Brunnenbauer von Freilassing, Verfasser: Wolfgang Johannes Bekh – aber mit Vorsicht aufgrund einer sehr eigenen politischen Einstellung zu lesen, die er leider, leider auch bisweilen einfliessen lässt) ruft in mir vor allem die eine, die ganz große Frage wach: Was alles existiert in uns und um uns herum, das wir mit unseren doch recht kümmerlichen fünf Sinnen nicht wahr zu nehmen vermögen?


12 Antworten zu “Alois Irlmaier – der Prophet vom Rupertiwinkel”

  1. Wow, was für eine Geschichte. Ich bin ja auch ein wenig wasseraffin 😉 , aber zum Wünschelrutengänger hat´s nicht gereicht.
    Ja, ich denke, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht wissenschaftlich erklären lassen.

  2. @Das ist wohl wahr.
    Im Schweizer Fernsehen hat es im Winter eine sehr interessante Reihe über derartige außergewöhnliche Begabungen gegeben, diese Dokumentationen waren wegen ihrer Feinfühligkeit und Objektivität ausgesprochen sehenswert. Unter anderem ging es da um einen jungen Mann, der Verstorbene wahr nehmen konnte, und um einen Handaufleger, der auch vielfach bezeugte Heilerfolge vorweisen konnte.

  3. danke fürs daumen drücken!!! bin super glücklich!!
    lese deine beiträge morgen in ruhe, muss jetzt erst ins bett 😉

  4. Ääähhh, mal ’ne Frage: Hast Du schon mal überlegt ein Buch zu schreiben mit den ganzen Geschichten. Toll! Wo bekommst Du das alles her?

    • @Mark: Das sind zum Teil autobiographische, zum Teil gelesene, gehörte oder auch recherchierte Geschichten. Ein Buch damit ist bereits in Vorbereitung, ich habe jedoch noch so meine Schwierigkeiten mit dem Layout, welches man bei Books on Demand ja größtenteils selbst erstellen muß. Aber wenn ich das in der nächsten Zeit „gebacken“ kriege, ist’s nur mehr eine Frage von Wochen, bis das Buch „Die Spanschachtel“ sozusagen „das Licht der Welt erblickt“. 😉

  5. Guten Abend Liebe..

    Von wegen für morgen aufheben..*schmunzel
    hat lange gedauert..aber der Tag ist noch nicht zu Ende.

    Oh ein Buch von Dir..fein..freu mich jetzt schon..
    Bitteeee sagst du mir wenn/wo es dann zu erwerben ist ?!

    Zum Thema Alois Irlmaier und seine Fähigkeiten..
    Ein bemerkenswerter Mann, wenn man bedenkt das
    er kein Entgeld nahm.

    Ich bin sicher das Dinge in uns und um uns existieren,
    die wir (die meisten Menschen) nicht erfassen können.

    ganz lieben Grüsse und ein schönes und gutes Wochenende..
    *lass dich drücken, wenn auch nur virtuell, Elke

    • @Elke: Manchmal, in besonders gelösten Momenten, wenn in mir eine tiefe Ruhe herrscht und dennoch all meine Sinne sehr wach sind, habe ich das tiefe Gefühl, daß mich von der „Anderwelt“, dem, was meinen irdischen Augen an sich verborgen ist, nur mehr eine hauchfeine Membran trennt. Dann wünsche ich mir, diese Membran durchschreiten zu können. Doch dann habe ich auch wieder Angst vor dem, was meine Sinne dann erfahren könnten.
      Das Buch ist nahe seiner Vollendung, sobald es im Druck ist, gebe ich dir Bescheid.
      Liebe Grüße! *Drückdich*

  6. Wenn Du etwas Hilfe wegen des Layout brauchst melde Dich ruhig bei mir. Ich bin sozusagen vom Fach: Hauptberuflich Drucker, Nebenjob Webdesigner und Layouter. Ich wünsche Dir und den Deinen ein tolles Wochenende.

    • @Mark: Dich schickt ja der Himmel! 😀
      Ich werde am Montag einmal ganz gründlich die Hilfe-Seiten von BoD durchlesen und noch einen Versuch – den x-ten – starten, den Buchblock zu senden. Wenn das „in die Hose gehen“ sollte, werde ich gerne auf dein Angebot zurück kommen.
      Vielen lieben Dank! 😀

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