Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

Ein Cold Case namens Mayerling (2)…

… Kaiser Franz Joseph verwehrte seinem einzigen Sohn Rudolf permanent die Teilhabe an den Regierungsgeschäften und die Einführung in die Aufgaben eines Regenten, was den jungen Mann im Laufe der Zeit sehr verbittert haben muss, obwohl er in den vielen Briefen, die er während seines kurzen Lebens schrieb, nie ein einziges negatives Wort über seinen Vater hatte verlauten lassen. Seine Jungmännerjahre verbrachte Rudolf auf Geheiß des Kaisers in Prag. Um ihn nach seiner Rückkehr in die Hofburg möglichst oft fern zu halten, erfand der Kaiser eigens das Amt eines Generalinfanterie-Inspektors, was zur Folge hatte, dass der Kronprinz sich häufig auf Reisen befand, bei Inspektionen, Ausbildungen und Manövern zugegen sein musste. Auch dabei rieb sich der so begabte junge Mann förmlich auf, um ja die so inniglich ersehnte Gunst seines Erzeugers, dessen Wohlwollen und Liebe zu erringen. Immer wieder vergebens. Eine solche Situation, dazu noch, dass Kaiserin Elisabeth auch nicht unbedingt als herzliche, mütterliche und ihren Kindern zugeneigte Person galt, dass er stets den Zwängen des Kaisers und des Hofs unterworfen war, eine Laufbahn einschlagen musste, die seinem eigentlichen Naturell überhaupt nicht entsprach, und in eine arrangierte Ehe gedrängt worden war, ist doch der perfekte Nährboden für Depressionen! Unter solchen Umständen müsste man schon eine schier übermenschliche Rossnatur  sein Eigen nennen, um keinen seelischen Schaden zu erleiden!…

… Apropos Briefe – die zahlreichen Schreiben des jungen Thronfolgers werden unter anderem seit jeher von den Verfechter:Innen jener Theorien heran gezogen, der Kronprinz wäre nicht durch Suizid ums Leben gekommen, und Mary Vetsera wäre nicht von ihm ermordet worden. Da sei in all seiner Korrespondenz nie etwas zu lesen gewesen, was darauf hindeuten würde, Rudolf hätte unter Depressionen gelitten. Und die vielen Berichte über sein Auftreten hätten ebenfalls niemals Derartiges verlauten lassen. Wie denn auch! Wäre zutage getreten, dass Rudolf an einer Gemütskrankheit gelitten hatte, dann hätte dies das Ende seiner Laufbahn, die Ächtung durch den Hof, die Familie – vor allem des Vaters! – und das Ende all seiner Hoffnungen auf den Kaiserthron bedeutet! Eine anerkannte Schriftpsychologin hat allerdings vor einigen Jahren Briefe von Rudolf analysiert und festgestellt, dass gewisse Eigenheiten des Schriftbildes durchaus auf das Vorhandensein einer depressiven Erkrankung hinweisen würden…

… Rudolf sei von Freimaurern ermordet worden, so lautet eine der gängigsten Verschwörungstheorien bezüglich der Tragödie von Mayerling. Das ist absoluter Nonsens. Der Kronprinz durfte zwar aufgrund seiner Stellung als Offizier keiner geheimen Verbindung beitreten, hatte jedoch seit seiner Jahre in Prag engen Kontakt zu Freimaurern, so z. B. dem berühmten Zoologen Alfred Brehm (Brehms Tierleben), dem Maler Hans Canon, Julius Graf Andrássy und dem Journalisten, Herausgeber und engen Freund Moriz Szeps. Er hat sich von den Lehren, Prinzipien und Idealen der Freimaurer inspirieren lassen und ist zumindest so etwas wie ein Stiller Gesellschafter, vielleicht sogar heimlicher Unterstützer gewesen. Was wäre denn da das Mordmotiv gewesen?…

… Er sei in Wahrheit in den Wäldern nahe des Schlosses Mayerling bei einem Jagdunfall ums Leben gekommen. Zwei Hausangestellte gaben einige Jahre nach der Tragödie zu Protokoll, sie hätten die Leiche des Kronprinzen am Morgen des 30. Januars aus dem tiefverschneiten Forst ins Schlafzimmer geschafft. Dafür fehlten allerdings jegliche Beweise bzw. Zeugen…

… Der Kronprinz wäre alkohol- und drogensüchtig sowie geisteskrank gewesen und hätte im wahnhaften Vollrausch Mary Vetsera und danach sich selbst erschossen. Rudolf war, wofür es sehr viele Belege gibt, einem guten Tropfen keineswegs abgeneigt, fiel aber nie durch zügellose Trunkenheit oder die Auswirkungen von Drogenkonsum auf. Er hatte sich in früheren Jahren Gonorrhoe zugezogen, die von den Hofärzten mit Kapseln behandelt wurde, welche aus einem geringen Teil Morphium sowie Heilkräutern bestanden. Eine Gefahr, aufgrund dieser Medikation von Morphium abhängig zu werden, bestand nach Aussage von Pharmazeut:Innen nie. Zudem sind auf den ungezählten Fotografien, die man von dem Thronerben anfertigte, bis zum tragischen Ende nicht die geringsten körperlichen Veränderungen zu erkennen, die auf einen zügellosen Genuss von Alkohol und Drogen hinweisen würden. Das Attestieren einer Verrücktheit aufgrund angeblich deformierter Gehirnwindungen und Schädelstrukturen im Obduktionsbericht erfolgte ausschließlich deshalb, um Rudolf quasi in geweihter Erde beisetzen zu dürfen, was ihm eigentlich als Mörder und Selbstmörder verwehrt geblieben wäre…

… Politische Gegner hätten ihn und die einzige Augenzeugin Mary Vetsera erschossen und danach die Szenerie im Schlafzimmer so arrangiert, dass es wie Mord und Selbstmord ausgesehen hat. Rudolf hatte sich mit seiner politischen Haltung auch außerhalb Österreich viele Feinde gemacht, z. B. den deutschen Kaiser Wilhelm II. Nicht nur sein Vater ließ ihn quasi rund um die Uhr bespitzeln, auch Spione aus Ungarn, Russland, Deutschland und Frankreich hatten ein waches Auge auf ihn. Es fehlten allerdings in und um Mayerling bis auf die vom Kammerdiener eingeschlagene Zimmertür jegliche Hinweise auf ein Eindringen etwaiger Attentäter. Wobei Adel, Hof und Klerus durchaus triftige Gründe gehabt hätten, den Kronprinzen um die Ecke zu bringen. Diese Theorie eines politisch motivierten Anschlags fußt hauptsächlich auf dem Fakt, dass man unmittelbar nach dem Ableben Rudolfs eine Unmenge seiner Schriftstücke, Akten, Briefe, den kompletten Obduktionsbericht sowie Tagebucheintragungen aus seinem nahen Umfeld hat verschwinden lassen. Geschah dies vielleicht, um zu vertuschen, dass Rudolf in keinster Weise geistes- oder suchtkrank gewesen war, oder dass der Kaiser vor dem Freitod seines Sohnes die Absicht gehabt hatte, die Thronfolge zu ändern (was hätte das für einen Skandal gegeben, wenn das nach Mayerling an die Öffentlichkeit geraten wäre!)? Auch die Tatsache, dass Rudolfs und Marys Abschiedsbriefe, die im Schlafzimmer gefunden wurden, nicht datiert gewesen waren, ist immer noch Wasser auf die Mühlen der Anhänger der Attentats-Theorie…

… Der mit Rudolf befreundete Prinz von Coburg hätte ein Auge auf die Baroness Vetsera geworfen, sei im Zustand der Trunkenheit am 29. Januar 1889 rasend vor Eifersucht geworden und hätte den Thronfolger mit einer Champagnerflasche erschlagen. Angeblich hätten im zertrümmerten Schädel Rudolfs bei der Obduktion noch Glassplitter gesteckt. Allerdings wurde im durch die Hofärzte verfassten Bericht eindeutig angegeben, dass der Tod durch eine Schusswunde verursacht worden war…

… Mary Vetsera hätte zuerst den Kronprinzen und dann sich selbst mit Zyankalie vergiftet. Dies war die allererste Verschwörungsschwurblerei, die so gut wie unmittelbar nach Bekanntwerden des Ableben Rudolfs kursierte, die aber bald danach durch die offizielle Stellungnahme des Kaiserhauses entkräftet wurde…

… Wird demnächst fortgesetzt…

… Mary Freiin von Vetsera im Alter von fünfzehn Jahren…


14 Antworten zu “Ein Cold Case namens Mayerling (2)…”

    • Auf gar keinem Fall!
      Ich überlege seit einer Weile oft, wie sich die Geschichte Europas entwickelt hätte, wären Franz Joseph und sein Sohn sich näher gestanden, hätte der Kaiser ihm mehr Chancen eingeräumt, wäre er nicht zu Tode gekommen. Was für ein Regent wäre Rudolf gewesen? Hätte er wirklich versucht, zumindest einen Teil seiner hohen Ideale und politischen Ansichten in die Tat umzusetzen? Es heisst ja, dass er geplant hatte, nach Übernahme der Macht das Kaiserreich abzuschaffen, in eine zumindest teilweise demokratische Republik umzuwandeln, mit ihm als ersten Reichskanzler, und die Privilegien des hohen Adels stark einzuschränken. Deswegen denke ich auch, dass die Theorie eines politischen Attentats nicht völlig von der Hand zu weisen ist, obwohl ich eigentlich fest von Mord und Selbstmord Kronprinz Rudolfs überzeugt bin.
      Ich bin auf ein sehr interessantes Buch gestoßen: Cold Case Mayerling. Ein hoher Ex-Kriminalbeamter, Oberst Helmut Reinmüller, arbeitet darin die Tragödie aus kriminaltechnischer Sicht auf. Eigentlich müsste ich mal a bisserl sparen, aber ich denke, dieses Buch werde ich mir bestellen müssen, die Stadtbib. hat es leider nicht.

      • Ja, man kann es nicht wissen. vielleicht hätte es vieles zum Guten geändert, vielleicht auch nicht. Nachdem wir die unzähligen Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, unmöglich überschauen können …. Ich finde es ziemlich hart, dass man trotz intensivster Beschäftigung mit so einem Fall zu keinem Ergebnis kommen kann …

          • Vielleicht ja, aber es wäre schon sehr interessant, wenn alle offiziellen Berichte zugänglich wären und nicht irgendwo unter Verschluss liegen würden! Vor allem von Ereignissen, die schon so lange zurück liegen! Es ist lächerlich, sie nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen!
            So viel ich weiss, weigern sich ja die Wittelsbacher dass der Sarg vom Ludwig II geöffnet wird und der Leichnam, oder was halt noch übrig ist, untersucht wird.

            • Da geben ich dir Recht, Christa.
              So ähnlich wie mit König Ludwig II. verhält es sich ja auch mit Kronprinz Rudolf. Auch da weigern sich bis zum heutigen Tag die Nachfahren der Habsburger beharrlich, den Sarg öffnen und die sterblichen Überreste noch einmal mit den heutigen modernsten Methoden untersuchen zu lassen.
              Vielleicht hat das auch finanzielle Gründe. Denn grad der Mythos um Kaspar Hauser, König Ludwig II. und Rudolf beschert den jeweiligen Ländern doch seit vielen Jahren enorme Einnahmen. Und vielleicht befürchtet man, dass sich das zum Negativen ändern würde, wenn man alle Schleier über diesen Mysterien lüften würde. 😉

Ich freue mich über eure Kommentare! Also haut in die Tasten, ihr Lieben!

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