… Eine Woche später fand die kleine Weihnachtsfeier des Seniorentreffs statt, und Frau Stegert warf sich etwa eine Stunde vor Beginn der Festivität in ihre beste perlmuttfarbene Seidenbluse, die sie mit einer fein ziselierten Brosche in Form einer Silberdistel zierte.
Während der vergangenen Tage hatte sie stets vormittags erwartungsvoll an der Tür gelauert, wenn der drahtige, wettergegerbte Postbote auf seinem voll bepackten, leuchtend gelben Fahrrad sich dem Haus genähert hatte. Vielleicht gab es ja diesmal eine Einladung einer ihrer Töchter, die Feiertage bei deren Familie zu verbringen. Doch ihre Hoffnungen wurden ein ums andere Mal enttäuscht, wie während all der Jahre seit dem Tod ihres Mannes.
Frau Stegert hatte nie einen liebevollen Umgang mit ihren beiden Töchtern gepflegt, es hatte kaum zärtliche Gesten oder offen gezeigte Zuneigung gegeben, kein Gefühl der Vertrautheit und Nähe zwischen Mutter und Kind konnte wegen der körperlichen und subtilen seelischen Gewalt, die sie den Mädchen anzugedeihen pflegte aufkeimen. In einer großen Schar Geschwister war sie während ihrer Kindheit die kleinste und unscheinbarste gewesen, oft von den Brüdern und Schwestern und ihrer Mutter unbeachtet. Sie hatte sich durch keinerlei Begabungen, Schönheit, Fleiß, Güte oder gar Intelligenz hervor getan. Allerdings hatte sie bereits in ziemlich jungen Jahren entdeckt, dass sie sich mittels Lügen, Gerüchten und Intrigen sehr gekonnt in Szene setzen und zumindest für ein Weilchen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Wenn um sie herum Zwistigkeiten und Unfrieden sich entluden und Tränen flossen, dann verspürte sie ein seltsames Wohlgefühl, dann fühlte sie sich als Heldin, dazu berufen, zu schlichten und zu befrieden, dann kam sie sich moralisch den anderen haushoch überlegen vor.
Obwohl ihr Mann den Töchtern sehr zugeneigt gewesen war, war er kaum eingeschritten, hatte alles stumm geschehen lassen, nie aufgrund der zweifelhaften Erziehungsmethoden seiner Gemahlin ein Machtwort gesprochen, sich nur selten auf die Seite seiner Sprösslinge gestellt. Seine Frau war sein Ein und Alles, seine große Jugendliebe, die er jahrelang schüchtern aus der Ferne verehrt hatte, ehe er sich, ermutigt durch einige Studienfreunde, ein Herz gefasst hatte, ihr einen Antrag zu machen. Er war Wachs in ihren Händen gewesen und mehr als ein halbes Jahrhundert lang hatte er Augen und Ohren geflissentlich vor ihren menschlichen Defiziten verschlossen.
Die Töchter, Irene und Heidelinde, pflegten für gewöhnlich am Vormittag des Heiligabends für ein knappes Stündchen zusammen mit ihren fast schon erwachsenen Kindern bei Frau Stegert vorbei zu schauen – sie überreichten kleine Geschenke, zwangen sich zu ein wenig neutralem Small Talk, und machten sich dann rasch wieder auf den Rückweg in die Kreisstadt.
Dass sie die Ursache für das unterkühlte Verhalten ihrer Töchter, Schwiegersöhne und Enkelkinder war, war Frau Stegert noch nie in den Sinn gekommen. Sie sah sich als Opfer rücksichtsloser und kaltherziger junger Egoisten. „Keine Dankbarkeit, wissen Sie!“, pflegte sie ihren Mitmenschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorzujammern. „Man gibt ihnen so viel Liebe, so viel Fürsorge, schlägt sich voller Angst die Nächte um die Ohren, wenn die Kleinen krank sind – und wenn sie dann aus dem Haus sind, kennen sie einen nicht mehr. Ich habe den Beiden so viel gegeben, so viel Herzblut und Aufopferung – und nur Undank und Ignoranz und Gleichgültigkeit bekomme ich nun zurück…“
Sie sah sich selbst als die beste Mutter aller Zeiten, und pflegte ausgesprochen gerne Erziehungstipps zu geben. Neulich erst war sie in der Kreisstadt auf eine junge Frau zugestürmt, die anscheinend ihr weinendes Baby im Kinderwagen nicht beruhigen konnte. „Sie müssen das Kleine an Ihre Brust legen, dann hört es Ihren Herzschlag und hört auf zu schreien. Liebe – was diese kleinen Wesen immerzu und am allernötigsten brauchen, ist LIEBE! Glauben Sie mir, was das anbelangt, bin ich eine Expertin!“, deklamierte sie mit beseelt leuchtenden Augen, und ihr erhobener Zeigefinger verwirbelte die schwer lastende, winterlich feuchte Großstadtluft. Und dann folgte ihr Lieblingssatz, den sie bei solchen Gelegenheiten stets zu zitieren pflegte: „Wissen Sie – einmal Mama, immer Mama.“…
Ein paar letzte Bürstenstriche durch die proper sitzende, rötlichbraun gefärbte Prinz-Eisenherz-Frisur, ein paar dezente Spritzer Eau de Toilette auf den wuchtigen Pelzkragen ihres Wintermantels, dann griff Frau Stegert nach den Hausschlüsseln und einer kleinen Tüte mit den Plätzchen für die weihnachtliche Gebäck- und Kuchentafel, die sie schon Wochen zuvor im Discounter erstanden hatte, und wandte sich zum Gehen Richtung Pfarrhaus…
Fortsetzung folgt

















