Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

Auch das ist meiner Meinung nach ein Hauptgrund,…

… für den Wahlsieg der Blaunen in Sachsen-Anhalt:…

… Die Blaunen haben, das muss man ihnen zugestehen, schlicht und ergreifend über einen langen Zeitraum hinweg den besseren Wahlkampf geführt: Sie haben Ansprechstellen in jedem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt, auch wenn der nur aus der Kirche, einem Wirtshaus und fünf Anwesen besteht. Die Kandidaten der AfD waren beim Kaffeeklatsch in Seniorenheimen, bei Jubiläen der Freiwilligen Feuerwehren, auf jedem Bürgerfest, sie haben bei der Tafel Lebensmittelspenden verteilt, waren in Kindergärten, Schulen und Kitas präsent, und bei Stammtischen. Sie haben sich hemdsärmelig zu den Einheimischen an den Biertisch gesetzt und so getan, als würden sie mit Empathie zuhören, wenn die Normalbürger:innen ihnen erzählt haben, wo sie der Schuh drückt. Ganz abgesehen davon, dass sie nach wie vor die (a)sozialen Netzwerke weitaus virtuoser bespielen als die „Altparteien“. Sie haben das Wir-Gefühl bei den kleinen Leuten generiert – „Wir einfaches Volk gegen dieses elitäre Pack da oben“. Und mit diesem geheuchelten Wir-Gefühl lassen sich ganz wunderbar Menschen verblenden und ganze Völker bewegen – im guten wie im schlechten Sinne.

Und die Kandidaten von der „cdu“ und „spd“ so? Da wurde in makellos gewienerten riesigen Nobelhobeln vorgefahren, geschützt von Bodyguards sind dann ein paar geschniegelte, studierte Fatzkes im tadellos geschneiderten, teuren Anzügen und blitzblanken Maßschuhen ausgestiegen, haben schnell ein paar inhaltsarme, sattsam bekannte Worthülsen abgefeuert, kurz und sorgsam vom „Pöbel“ abgeschirmt gewunken und sich dann überwiegend der Oberschicht – Bürgermeister:in, Unternehmer:innen, Großgrundbesitzer:innen, hoch dekorierten Würdenträger:innen – vor Ort zugewandt, um ausschließlich mit dieser zu parlieren – überspitzt formuliert. Das war mein Eindruck, wenn ich Berichte über den SA-Wahlkampf im TV verfolgt habe.

Die uralte, aber nach wie vor sehr profunde Taktik, sich zu den einfachen Leuten zu gesellen, so zu tun, als ob man ihnen alle Zeit der Welt und offene Ohren schenken würde, das oben erwähnte Wir-Gefühl bei den kleinen Leuten erzeugen, diese Taktik, die bei den „Altparteien“ so gar nicht mehr angesagt ist – die Nähe zum einfachen Volk suchen, igitt! Wer weiß, ob dieser Pöbel sich heute überhaupt schon gewaschen hat – überspitzt formuliert! – hat den Blaunen ihren Erdrutschsieg eingefahren.

Dass das in Wahrheit alles nur Show gewesen ist und der AfD genauso wenig, bzw. noch viel weniger an den Sorgen und Nöten der kleinen Bürger:innen liegt wie den Schwarzen und mittlerweile leider auch den Roten, steht ganz außer Frage. Aber es hat geholfen – und wie! Und das ist für mich das Tragischste an der ganzen Situation: Die „Altparteien“ wollen unbedingt ihre Macht und die Zustimmung der Deutschen erhalten – aber sie wissen anscheinend nicht mehr – oder wollen es auch gar nicht mehr wissen – wie Bürgernähe funktioniert und was für Vorteile im Wahlkampf daraus entstehen können! Und dann stellt sich am Abend nach der Wahl in Sachsen-Anhalt der Fritze hin und macht einen auf Mimimi!: „Das Volk kann oder will mich nicht verstehen.“ Und allein nach diesem einen Satz müssten in Berlin-Brandenburg eigentlich die Zustimmungswerte für die Blaunen um etliche Prozenpunkte steigen und die der Schwarzen absacken…

… Dieser kurze Ausschnitt aus der Jubiläumssendung der „Anstalt“ bringt das Thema fehlende Bürgernähe bei Schwarz-Rot perfekt auf den Punkt:


15 Kommentare zu “Auch das ist meiner Meinung nach ein Hauptgrund,…”

  1. Merz sagte am Wahlabend wohl: er habe das Problem, dass viele Menschen seinen Gedanken nicht folgen könnten oder wollten. Hochnäsiger und herablassender kann man wohl nicht reagieren. Und so kann ich mich den letzten Worten der Dame im Video nur anschliessen.

  2. Mit ein Grund für diesen Wahlsieg in Sachsen-Anhalt (ich wähle bewusst nicht die Zwei-Buchstaben-Abkürzung, weil mir diese beim Lesen regelmäßig das Blut in den Adern gefrieren lässt) ist auch das Gefühl von vielen Ostdeutschen, abgehängt und benachteiligt zu sein. Ich habe diese Meinung sehr häufig im Arbeitsleben mitbekommen, aber auch jetzt noch im privaten Umfeld – und das immer noch nach weit über 30 Jahren nach dem Mauerfall. Gegen persönliche Gefühle lässt sich nur schwer mit Argumenten dagegenhalten.
    Der persönliche Einsatz der AFD im Wahlkampf hat sicher viel zum Ergebnis beigetragen. Mir persönlich wäre es jedoch mehr als unwohl dabei, wenn mir vordergründig Zuwendung und Unterstützung suggeriert wird und ich bereits das Messer im Rücken spüre, weil ich – aus welchen Gründen auch immer – nicht in deren Konzeption passe. Aber dazu wäre es eben wichtig, sich mit Parteiprogrammen und Hintergründen zu befassen und nicht nur irgendwelchen Schlagworten und Slogans zu folgen. Leider befürchte ich, dass die nächsten beiden Wahlen auch nicht sehr viel besser laufen, vor allem in M-V.

    • Du hast recht, die Zweibuchstaben-Abkürzung ist schauderhaft. Ich werde das gleich ausbessern und in Zukunft nicht mehr verwenden. – Ich habe vorhin einen sehr interessanten Artikel über Sachsen-Anhalt gelesen, darüber, dass es dieses Bundesland quasi erst seit der Wiedervereinigung gibt – von einer kurzen Episode nach dem Zweiten Weltkrieg, von 1947 bis 1952, einmal abgesehen. Es wurde aus „abgezwackten“ Ecken Thüringens und Sachsens, Nordrhein-Westfalens und Brandenburgs zusammengefügt. Die Bewohner:innen kämpfen seitdem damit, eine eigene Identität, einen richtigen Zusammenschluß zu finden. Da ist es natürlich für eine Partei wie die AfD ein Leichtes, sich diese Stimmung, die ja doch auch eine Orientierungslosigkeit offenbart, zunutze zu machen.
      Ich glaube, inzwischen wäre ich auch resistent, zumindest misstrauisch gegenüber dem Suggerieren von Zuwendung und Unterstützung. Ich habe jetzt schon einige Male gelesen, dass eine erschreckend hohe Zahl von Wähler:innen den Blaunen deshalb ihre Stimme gegeben haben, und geben werden, weil sie eben rechtsextrem sind. Weil ihnen von der AfD vor allem im Wahlkampf immer und immer wieder eingetrichtert wurde, Angst vor Migrant:innen zu haben – in keinem anderen Bundesland ist der Anteil an Flüchtlingen so gering wie in Sachsen-Anhalt -, Angst vor der „Lügenpresse“ – den Öffentlich-Rechtlichen TV- und Radioprogrammen – zu haben, weil die ohnehin nur Fake News verbreiten. Und natürlich wird von dieser Partei das Gefühl, vom Rest der Republik abgehängt und benachteiligt zu sein, auch noch genährt und um ein Vielfaches verstärkt.
      Was Meck-Pomm und Berlin anbelangt, da habe ich tatsächlich noch Hoffnung. Die SPD in Meck-Pomm hat neulich erst gegenüber der AfD aufgeholt und liegt derzeit nur mehr drei Prozentpunkte hinter ihr. Und Frau Schwesig hat bereits verkündet, dass sie im Falle eines Falles einer rot-rot-grünen Koalition offen gegenüber stehen würde. Und in Berlin liegen „cdu“ und die Linke, mit 19,7 % momentan gleichauf, die AfD mit 18 % etwas zurück. Da wären zur Zeit sowohl eine Jamaika-Koalition aus Schwarz-Rot-Grün denkbar, als auch Rot-Rot-Grün.

      • Die Prognose für Berlin habe ich kürzlich auch gelesen. Da habe ich – ähnlich wie Du – eine gewisse Hoffnung. Bei M-V bin ich mir nicht so sicher. Ich würde jedoch Manuela Schwesig den Erfolg wünschen.

    • Es ist verblüffend: es geht ihnen so gut wie nie, fühlen sich trotzdem benachteiligt, wünschen sich in die „gute, alte Zeit“ zurück, wähnen sich in einer Diktatur und wählen deshalb Rassisten und Nazis, die sie genau dahin zurückbringen werden, wo sie eigentlich nie hin wollten.

  3. Du hast völlig Recht. Sie sind nicht nur näher dran, sie treffen auch den Ton. Praktisch das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus oder der nette Rassist von nebenan. Dabei ist es wichtig, dass sich der brave Bürger Luft machen darf: die Ausländer nehmen uns alles weg, die Regierung will uns umvolken, Flüchtlinge bekommen alles geschenkt und ich nichts, nichts darf man mehr sagen und wenn man was sagt, dann wird man gleich als Nazi abgestempelt. Dann muss man ihn eigentlich nur bestätigen und hat seine Stimme. Dass die AfD eigentlich nur Politik für Reiche macht und dass es Arbeitern, Rentnern und Empfängern von Grundsicherung unter der AfD schlechter gehen wird, das begreifen sie nicht.

Ich freue mich über eure Kommentare! Also haut in die Tasten, ihr Lieben!

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