Marthas Momente-Sammlung

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44 Prozent AfD: Schweigen ist keine Option mehr

Die AfD gewinnt Sachsen-Anhalt mit 44 Prozent. Ein Desaster. Doch wir sollten aus Weimar gelernt haben: Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Spätestens jetzt müssen wir uns wehren – als Bürgerinnen und Bürger, als Parteien, als Gewerkschaften, als Zivilgesellschaft. Nicht morgen. Jetzt.

44 Prozent AfD: Schweigen ist keine Option mehr

12 Kommentare zu “44 Prozent AfD: Schweigen ist keine Option mehr”

  1. Ich frage mich immer noch, wer in Sachsen-Anhalt das Wahlprogramm gelesen hat, diesen widerlichen Sermon von Ausgrenzung und Deutschtümelei, und sich dann gedacht hat: „Ja, das finde ich gut, die wähle ich.“

    Aber hey, wir reden hier von einer Wählergruppe, die ungeachtet der Tatsache, dass Leute wie Donald Trump oder Elon Musk zu den ersten Gratulanten gehörten, nach wie vor der Ansicht ist, es „denen da oben“ jetzt aber mal so richtig gezeigt zu haben. Das sagt eigentlich schon alles, finde ich.

    • So einfach ist es aber, so denke ich, leider nicht. Denn die Blaunen haben, das muss man ihnen zugestehen, schlicht und ergreifend über einen langen Zeitraum hinweg den besseren Wahlkampf geführt: Sie haben Ansprechstellen in jedem kleinen Ort in SA, auch wenn der nur aus der Kirche, einem Wirtshaus und fünf Anwesen besteht. Die Kandidaten der AfD waren beim Kaffeeklatsch in Seniorenheimen, bei Jubiläen der Freiwilligen Feuerwehren, auf jedem Bürgerfest, sie haben bei der Tafel Lebensmittelspenden verteilt, waren in Kindergärten, Schulen und Kitas präsent, und bei Stammtischen. Sie haben sich hemdsärmelig zu den Einheimischen an den Biertisch gesetzt und so getan, als würden sie mit Empathie zuhören, wenn die Normalbürger:innen ihnen erzählt haben, wo sie der Schuh drückt. Ganz abgesehen davon, dass sie nach wie vor die (a)sozialen Netzwerke weitaus virtuoser bespielen als die „Altparteien“.
      Und die Kandidaten von der „cdu“ und „spd“ so? Da wurde im blitzblanken riesigen Nobelhobel vorgefahren, geschützt von Bodyguards sind dann ein paar geschniegelte, studierte Fatzkes ausgestiegen, haben kurze Reden gehalten, kurz und sorgsam vom „Pöbel“ abgeschirmt gewunken und sich dann überwiegend den „Oberindianern“ vor Ort zugewandt, um ausschließlich mit ihnen zu parlieren.
      Das hat in meinen Augen den Unterschied gemacht. Mit dieser uralten, aber nach wie vor sehr profunden Taktik, die bei den „Altparteien“ so gar nicht mehr angesagt ist – Nähe zum einfachen Volk suchen, igitt! – haben die Blaunen ihren Erdrutschsieg eingefahren.
      Erst auf den letzten Metern des Wahlkampfes ist es den Grünen eingefallen, dass an der so eifrig praktizierten Bürgernähe der Blaunen ja etwas dran sein könnte. Leider zu spät…
      Dass das in Wahrheit alles nur Show gewesen ist und der AfD genauso wenig an den Sorgen und Nöten der kleinen Bürger:innen liegt wie den Schwarzen und mittlerweile leider auch den Roten, steht ganz außer Frage. Aber es hat geholfen – und wie! Und das ist für mich das Tragischste an der ganzen Situation. Und dann stellt sich am Abend nach der SA-Wahl der Fritze hin und macht einen auf Mimimi!: „Das Volk kann oder will mich nicht verstehen.“ Und nach diesem einen Satz sind in Berlin-Brandenburg sicher die Zustimmungswerte für die Blaunen um etliche Prozenpunkte gestiegen und die der Schwarzen abgesackt…

      • Dem kann ich nur schwerlich widersprechen, es fällt mir in dem Zusammenhang nur schwer, meine Sicht der Dinge nicht zu verallgemeinern. 🙂

        Aus meiner Sicht ist Präsenz vor Ort nämlich kein Ersatz für passende politische Inhalte. Würde ich in Sachsen-Anhalt wohnen und der örtliche, auf der Landesliste der Partei befindliche Rechtsextremist würde sich beim Zeltfest zu mir auf die Bank setzen, um über meine aktuellen Probleme zu plaudern, so bliebe er dennoch der örtliche Rechtsextremist, dessen Partei Menschen wie mir das Recht auf Inklusion nehmen möchte und dem ich allein deswegen so weit vertrauen würde, wie ich ihn werfen könnte.

        Und es will mir einfach nicht in den Kopf, dass zahllose andere Menschen offenbar so einfach beeinflussbar sind, nur weil da irgendein Posterboy auf seiner Simson durchs Dorf nagelt …

        • Die Präsenz vor Ort ist mittlerweile bei vielen kleinbürgerlichen Wähler:innen wichtiger als die Inhalte! Die Hauptursache liegt für mich in dem Umstand, dass die Normalbürger:innen in den Parlamenten, vor allem im Bundestag, kaum noch mehr vertreten sind. Nur mehr ca. 15 % der aktuellen Mitglieder unserer Regierung haben kein Studium abgeschlossen, sondern ein Handwerk erlernt! Über achtzig Prozent der Abgeordneten hat studiert, hauptsächlich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Es herrscht eine Überpräsentation der Oberschicht und gehobenen Mittelschicht. Diese Leute können sich doch kaum in die Nöte, Ängste und Probleme hineinversetzen, die die Normalbürger:innen umtreiben! – Außer bei der AfD. Im Bundestag beträgt der Anteil an Akademiker:innen bei den Blaunen gut 60 %, in den Länderparlamenten ca. 48 %.
          Der Effekt bei vielen Wähler:Innen ist „Der ist einer von uns! Der weiß, wie es sich anfühlt, in einem Handwerk oder als Verkäufer (siehe Siegmund), als Angestellter zu arbeiten.“ Und dann nimmt es doch eigentlich nicht wunder, dass es den Blaunen so leicht fällt, den Menschen so lange Honig ums Maul zu schmieren, sie zu verblenden, bis sie am Wahltag das Kreuzerl bei den Faschisten und gesichert Rechtsextremen machen.

        • Die Blaunen haben während ihres Wahlkampfs das Wir-Gefühl virtuos bespielt: „Wir Kleinen gegen das elitäre Pack da oben!“ Mit diesem Wir-Gefühl ließen und lassen sich ganze Völker bewegen, im guten wie – wie hier – im schlechten Sinne. Wollte ich kurz noch anmerken.

          • Da sind wir aber dann wieder bei den Glückwünschen von Trump und Musk, die den angeblichen Kampf gegen das elitäre Pack da oben nicht so ganz kohärent erscheinen lassen – vermutlich sind aber große Teile der AfD-Wählerschaft bereit, großzügig über derartige Widersprüche hinwegzusehen, oder sie bemerken sie erst gar nicht. 🙂

            Was den Punkt der Repräsentanz angeht, so kann ich auch dem nicht widersprechen, sondern nur hinzufügen, dass man dieses Argument ganz grundsätzlich für fast jede Personengruppe vorbringen könnte. Deswegen wird aber der Deutsche Behindertenbeirat bspw. sicherlich nicht dazu aufrufen, die AfD zu wählen, nur weil der Großteil der jetzigen MdB keinen blassen Schimmer davon hat, wie es ist, als Mensch mit Behinderung zu leben. 🙂

            • Trumpel, Musk, Putin und Co. geht es rein ums Zerstören von Demokratien, um Macht und Profit, und nicht um Kohärenz. Und das Generieren des Wir-Gefühls durch die AfD ist ja auch nur ein Werkzeug, denn die Obermuftis in dieser Partei haben ja an sich auch nur das Gleiche im Sinn wie Trumpel, Musk, Putin und Co.
              Das Argument mit dem Deutschen Behindertenrat hinkt jetzt aber schon – obwohl da ein Papier mit ca. 70 Einsparvorschlägen einer Bund-Länder- und Kommunengruppe kursiert, die im klaren Widerspruch zum UN-Behindertenrecht stehen…

              • Eben drum brachte ich das Beispiel ja. Wenn es jetzt reicht, „einer von uns“ zu sein, um ihn zu wählen, ungeachtet dessen, dass der dann aber Politik „gegen uns“ machen will und wird, dann wird es argumentativ nicht mehr einfach, diese Leute zu erreichen.

  2. Vielleicht sollten wir aber auch einmal hinterfragen, ob die Auslegung von Demokratie, welche uns die etablierten Parteien vorgaukeln, wirklich noch zeitgemäss ist oder doch nur kaschierte Verfestigung von eigener Macht und eigenen Interessen. In einer Reihe von Ländern funktioniert Demokratie ganz anders und viel besser als bei uns, weil die Frage Links oder Rechts nur zu Blockaden führt. Ich empfehle, den Beitrag des Zukunftsforschers HORX einmal zu lesen:

    http://www.horx.com/171-die-naechsten-demokratien-2v2/

    • Diese Frage stelle ich mir seit langem schon, und meine Antwort darauf lautet leider immer wieder, dass in der Bundesregierung Machtgelüste, Machterhalt und eigene Interessen inzwischen trotz gegenteiliger Bekundungen weit überwiegen.
      Wir sollten als Bürger:innen wieder selbständiger und mehr füreinander agieren, als permanent nach dem Staat zu schreien, wenn es Probleme gibt, und dabei versäumen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Wenn es mehr private Initiativen, mehr private Stiftungen, mehr Nachbarschaftshilfen geben würde, um die Nachteile unfairer Gesetzgebungen zu mildern, wären wir vom Staat ein Stück weit unabhängiger. Unsinnige, realitätsferne und ungerechte Entscheidungen unserer Politiker:innen würden uns dann weniger treffen. Ein gutes Beispiel dafür ist meiner Meinung nach eine kurze Geschichte, die ein lieber Mitblogger, der seit fast fünfzig Jahren in Montreal lebt, neulich erzählt hat: Nach schweren Wintern helfen die Bewohner:innen in den Vorstädten zusammen und bessern eigenhändig die Schäden in den Straßen aus. Da schreit man nicht lange rum und schimpft auf „die da oben“, da krempelt man die Ärmel hoch, besorgt sich das nötige Arbeitsgerät und die Materialien selbst, und dann helfen alle zusammen. Ich finde das ungemein beeindruckend. Warum sollte das bei uns nicht auch möglich sein?
      Vielen Dank für den Link, den Artikel habe ich mit großem Interesse gelesen und für richtig gut befunden.

Ich freue mich über eure Kommentare! Also haut in die Tasten, ihr Lieben!

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