… machte ich mich auf den Weg zur nahen Bushaltestelle, um zum Wirbelsäulenzentrum zu fahren, ich benötigte ein Rezept für ein neues Paar orthopädischer Maßschuhe. Auf der Bank an der Haltestelle flegelten zwei recht ungepflegte und wohl auch angetrunkene oder zugedröhnteMänner mittleren Alters, der eine mit einem lockigen Haarschopf, der andere trug eine weiß-rot gestreifte Mütze. Ein dritter, der auch ziemlich schmuddelig und alles andere als nüchtern wirkte und eine gelbe Mütze aufhatte, machte sich an einem hochwertigen Baseballcap zu schaffen, das eine Schaufensterpuppe zierte, die vor einer kleinen Boutique stand. Die Kopfbedeckung war jedoch anscheinend gut befestigt. Der Typ mit dem Wuschelkopf stand auf, marschierte gestelzt und mit ordentlicher Schlagseite zu seinem Kumpel und versuchte nun sein Glück, allerdings ebenfalls erfolglos. Der weiß-rot Bemützte brachte es schließlich mit etwas Pfriemelei fertig, die Kappe zu lösen. Ohne auch nur einen Gedanken ans Bezahlen zu verschwenden, gesellte er sich zu seinen Kumpels, sie feixten lachend und laut grölend und ließen ihre Beute reihum gehen, jeder durfte sie mal probetragen. Dann schulterten ihre Rucksäcke und wollten sich aus dem Staub machen…
… Einen kleinen Moment lang hatte ich Bedenken. Doch dann war mir klar, dass ich da nicht einfach tatenlos zusehen konnte, ich zog mein Handy aus der Tasche und sprach die Drei an: „Wenn Sie nicht sofort das Käppi zurück bringen oder bezahlen, dann rufe ich die Polizei.“ Der Lockenkopf grinste mich an. „Wegen so einem Sch*** willst du die Bullen holen? Das ist doch lächerlich!“ – „Das ist nicht lächerlich, das ist Diebstahl, eine Straftat, die Sie da grade begehen. Bringen Sie das da zurück oder bezahlen Sie dafür.“ – „Ach, führ dich doch nicht so auf, du alte Zicke.“ Ich wählte die 110 und wartete, ein paar Mal ertönte eine Bandansage „… Polizeinotruf. Legen Sie nicht auf, wir sind sofort für Sie da…“ Als sich ein Polizeibeamte meldete, warf der Lockenkopf mir das Baseballcap vor die Füße, er und seine Kumpane trollten sich, wobei der Gelbbemützte seinen Rucksack auf der Sitzbank vergaß…
… Ich schilderte am Telefon kurz, was vorgefallen war, man versprach, bald eine Funkstreife zu schicken. Ich brachte das Diebesgut den beiden jungen Frauen im Laden, die hinterm Verkaufstresen stehend mit großen Augen das Geschehen verfolgt hatten, und informierte sie, dass in Kürze die Polizei kommen würde…
… Nach etwa einer Viertelstunde trafen eine Polizistin und ein männlicher Kollege ein. Wir wurden detailliert befragt und man nahm unsere Personalien auf. Während wir mit der Polizeistreife unsere Aussagen noch einmal durchsprachen, sah eines der Mädel, wie der Gelbbemützte am Laden vorbei schlich, offenbar auf der Suche nach seinem Rucksack, der inzwischen gründlich untersucht worden war, aber außer jeder Menge Einmalhandtücher, einem zerfledderten Buch, einem angebissenen Gebäckstück und einer Packung feuchten Toilettenpapiers nichts Interessantes enthielt. Die beiden Beamt:innen folgten dem Mann. Er spazierte rechts ums Eck und dann ein Stück weit die Straße hoch, wo seine Kumpels auf dem Boden hockend warteten…
… Nur wenige Minuten später hatten die Polizist:innen das Trio dingfest gemacht und geleiteten es zum Einsatzwagen, der gegenüber der Boutique abgestellt war. Man untersuchte den Rucksack des weiß-rot-Bemützten und die beiden Bauchtaschen des Lockenkopfs – und da hat man wohl etwas Auffälliges entdeckt, denn eine zweite Polizeistreife und zwei Kriminalbeamte kamen hinzu. Der Lockenkopf und der weiß-rot Bemützte wurden von der Kripo weggebracht, den Gelbbemützten ließ man laufen. Er überquerte eilends die Straße und entschuldigte sich unter Tränen bei uns Dreien, es täte ihm so unsagbar leid…
… Die jungen Frauen bedankten sich herzlich bei mir, auch im Namen des Ladeninhabers, der ausrichten ließ, ich sei ab sofort Teammitglied ehrenhalber und wenn ich mal was in der Boutique einkaufen würde, würde ich selbstverständlich einen großzügigen Rabatt erhalten. Leider, leider sind die Klamotten dort allesamt für Mädels mit Kleidergrößen XS bis maximal 38 gefertigt – aber hübschen Schmuck haben sie, und ein Baseballcap ist eigentlich ein recht flotter Sonnenschutz… 😉

20 Kommentare zu “Am frühen Mittwoch Nachmittag…”
Zivilcourage – hat nicht jede*r. Ich ziehe, mein nicht vorhandenes, Käppi vor dir!
Danke schön. 🙂 Nach dieser Aktion haben mir aber schon die Knie etwas gezittert.
Da warst du aber mutig!
Danke. Danach sind mir schon die Knie ein wenig weich geworden. 😉
Das kann ich mir gut vorstellen. Man weiß ja nicht, was solchen enthemmten Leuten alles einfallen kann.
Ich habe da auf mein Bauchgefühl gehört. Wenn Instinkt, Erfahrung und Menschenkenntnis mir gesagt hätten, dass die Drei gefährlich sind, hätte ich mich in sichere Entfernung begeben und sie nicht angesprochen. Die Polizei gerufen und das Diebestrio vorsichtig verfolgt hätte ich aber in jedem Fall.
Hast Du genau richtig gemacht.👍🏻💜
Danke. 😊
Super! <3
Danke! 🙂
Was für eine Aufregung!
Wobei du alles richtig gemacht hast!
Oh ja, das war schon aufregend.
Courage du hast.
Von Meister Yoda gelernt. 😉
Diesen Mut sollten wir alle haben. Auch ich schaue viel zu oft weg.
Ich wäre ja eine Mittäterin gewesen, wenn ich untätig bei diesem Diebstahl zugesehen hätte. 😉
WOW Martha, Respekt!
Danke, liebe Christa. 😊
Sehr gut gemacht aber arg mutig in der heutigen Zeit, wo Gewaltbereitschaft in einem unerfreulichen Verhältnis zu Gewissen steht. Spontan hätte ich vermutlich ebenso reagiert und mich hinterher gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe.
Viel hätte mir nicht passieren können, die Drei waren so zugedröhnt, dass sogar ich mit Rollator ihnen leicht hätte davon laufen können. Außerdem ist die Schellingstraße eine sehr belebte. Und ich hatte ja fast die ganze Zeit jemanden von der Polizei am Telefon, das wirkte wohl abschreckend auf das Trio. Ich bin mir ganz sicher, dass ich ohne Zweifel alle Tassen im Schrank habe. Aber ein bisschen sind mir nach dieser Aktion die Knie schon weich geworden, das gebe ich gerne zu.