Marthas Momente-Sammlung

Glück ist die Summe schöner Momente

Keck von der alten Eiche – Teil 1

Als Keck geboren wurde, war nach einer unnatürlich warmen Vorfrühlingswoche mit tropisch anmutenden Temperaturen und hartem Sonnenschein der Winter mit all seiner entmutigenden Grausamkeit und seinem bitteren Schweigen wieder zurück gekehrt. Binnen kurzem war der kleine Park inmitten der tosenden grossen Stadt in stummes Weiss gehüllt, ziellos wirbelten Wolken von Schneeflocken, von eisigen Böen getrieben, die noch nackten Zweige der ergeben sich duckenden Bäume züngelten durch die lähmende Blässe schwarzen Schlangen gleich.

Obwohl kleiner als ein Wurm, nackt und blind und völlig hilflos, kämpfte Keck sich mit einer solchen Zielstrebigkeit aus dem dunkeln, feuchten Schoss in das Dämmerlicht des Kobens, daß seine Mutter fassungslos stöhnte: „Dies ist nicht mein erster Wurf, aber eine derartige Keckheit habe ich noch nie erlebt!“ Er war der erste Winzling, der aus der Fruchtblase befreit und von sanfter Zunge getrocknet mit einem schier unendlichen Durst seinen ersten Atemzug tat, endlich, eine geraume Weile später, kam seine Schwester Indra zur Welt, und sie war trotz all der Armseligkeit, mit der sie ins Dasein gestossen worden war, von einer solchen Schönheit, daß die Alten ehrfürchtig den Atem verhielten.

Das traute Heim der Eichhörnchenfamilie lag zwischen den mächtigen Wurzeln einer ausladenden, steinalten Eiche, die unweit eines kleinen Stadtpalais mit cremefarbenem Anstrich, weissen Stuckverzierungen und auffallend wohl ausgewogenen Proportionen ihr beschirmendes Astwerk spannte.

Das ungemütliche Wetter hielt an, so daß sich all die Bewohner jenes Baumes wohlweislich im Schutze knorriger, moosbewachsenen Holzes verbargen: Max, der Kleiber, der mit seinen scharf gezeichneten Strichen über den Augen und seiner orangeroten Brust sich seiner Attraktivität voll bewußt gerne ein wenig arrogant zu geben pflegte, das ewig turtelnde Blaumeisenpärchen, das mit seinem grazilen Liebesspiel gefiederten Faltern gleich die gerade keimenden ersten Knospen umflattert hatte, Pinto, der unermüdliche Amselhahn, der unter vorjährigem Laub scharrend Leckerbissen für seine Henne Almira und die vorzeitigen Küken sammelte und die kleinen Nager – Mutter Lavenia und Vater Puck, Keck und Indra.

Eines Nachts, etwa eine Woche, nachdem Keck und Indras Dasein begonnen hatte, toste ein Sturm durch den Park, ließ den mächtigen Stamm der Eiche bis hinunter ins Wurzelwerk erschüttern und erbeben, Geäst knackte und stöhnte zum Gotterbarmen, das Jaulen des ungebärdig wütenden Orkans erfüllte die kleinen Lebewesen des Baumes mit Angst und Schrecken. Just in diesen finsteren Stunden geschah es, daß Keck zum erstenmal seine moorfarbenen Augen auftat und durch das zerzauste Moospolster seiner Kinderstube ins Freie lugte. Bei all seiner Unerfahrenheit verspürte er nicht den geringsten Anflug von Besorgnis oder gar Furcht. Ich bin ja sooo neugierig, was da draußen alles auf mich wartet!, dachte er, sein winziges, forderndes Herz tat ein paar besonders kraftvolle Schläge, dann schnaufte er tief auf, rollte sich zusammen, und nicht einmal der rumpelnde Donnerhall und die schneidend grellen Blitze des nun einsetzenden Gewitters konnten ihn aus seinem kindlichen Schlummer reissen.

Dem Unwetter folgte warmer Föhn aus dem Süden und dieser vertrieb die lebensfeindliche Kälte, die Luft war klar und samten und Keck, der es sich nun beinahe ständig am Eingang des Baus gemütlich machte und ins Freie spähte, wurde eines Wunders gewahr. Die letzten Polster hartnäckigen, eisigen Schnees wurden durch den linden Atem des Frühlings hinweg gefegt, die Erde tat sich auf und aus ihren dampfenden Schollen und verborgenen Spalten quollen smaragdgrüne, hauchfeine Gräser in Überfülle, sternförmige Blumen von unschuldigem Weiß, Gelb und leuchtendem Blau und über dem greisen Wurzelwerk und verschlungenem Geäst der Eiche wölbte sich ein Baldachin aus zartem Laub, der die lebensweckenden Sonnenstrahlen dämpfte und nur mehr vereinzelt behutsame Lichttropfen gen Erde rieseln liess.

Nicht lange danach machte Lavenia mit den Kindern ihren ersten kleinen Ausflug, nur ein paar Hüpfer von ihrer Höhle entfernt ließ sie sich auf dem Höcker einer unförmigen Wurzel nieder und winkte die Sprösslinge zu sich. „Seht,“ und sie beschrieb mit dem unablässig schnuppernden Näschen sammt sachte zitternder Schnurrhaare einen Halbkreis, „das ist unsere Nachbarschaft. Die kleine Senke mit den Hyazinthen, merkt sie euch gut, denn da steht die Buche, und wenn der Herbst kommt, sind dort die feinsten Samen zu finden. Hinter dem Feld mit den Gänseblümchen ist der Haselnussbaum – hm!, es gibt nichts Schöneres, als nach einem langen Winterschlaf eine gut abgelagerte Haselnuss zu verspeisen! Aber auch die Hagebutten aus der kleinen Hecke links vorne sind sehr delikat.“

Keck ließ sein winziges Schnäuzchen kreisen und sog voller Erregung die seidig weiche Frühlingsluft tief in seine Lungen. Ja, das ist sie, frohlockte er still, das ist die Welt, und ich möchte wetten, hinter der Senke und dem Feld liegt noch viel, viel mehr! – Seine Schwester Indra hingegen interessierte sich wenig für all die großartigen Ausblicke und Verheissungen und die ins Herz gehende Ebenmäßigkeit der blühenden Natur ringsum, ein wenig Pollen war auf ihren samtenen, rabenschwarzen Pelz gelangt und sie senkte das Köpfchen, um mit ihrer kleinen rosigen Zunge den lästigen Puder von ihrem makellosen Körper zu entfernen. Keck kniff die Augen zusammen. Er liebte seine Schwester, doch ihre Eitelkeit irritierte ihn mitunter. Woher will sie nur wissen, wie schön sie ist?, fragte er sich, sie hat sich doch noch nie selbst gesehen! Daß Indra aufgrund der rührenden Anbetung in den Augen ihrer Eltern und angelegentlich zu Besuch erscheinender Verwandtschaft zu der Erkenntnis gelangt war, eine außergewöhnliche Erscheinung zu sein, konnte er nicht nachvollziehen.

Max, der Kleiber, gesellte sich zu ihnen, er pickte recht geziert einmal hier, einmal da auf den gewölbten Wurzelstock ein, warf sich dabei immer wieder recht augenfällig in die Brust. Lavenia konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. „Ich gratulier‘ Ihnen, lieber Herr Max. Wieviele Sprösslinge sind’s denn diesmal?“ – „Woher wissen Sie…?“ Lavenia lachte glockenhell. „Na, das ist Ihnen doch anzusehen, diese Vaterfreude!“ Max hüpfte näher und legte mit einem vertraulichen Augenzwinkern das scharfgezeichnete Vogelköpfchen zur Seite. „Vier sind’s heuer, meine Gute! Stellen Sie sich vor! Vier Küken und alle gesund und munter und – ich will mir ja nicht schmeicheln! – mir wie aus dem Gesicht geschnitten! – Und ich müßte eigentlich schon längst wieder drüben bei der Buche sein und in der Rinde nach Larven suchen, bevor dieser alte Miesepeter von Buntspecht aufkreuzt und mir das Revier wieder streitig machen will!“ Sprach’s und sirrte emsig hinüber zum Nachbarsbaum.

Vom verführerischen Duft des Unbekannten regelrecht berauscht guckte und guckte Keck und wandte das Köpfchen mit einem solch hingerissenen Eifer, daß er das Gleichgewicht verlor und hintüber purzelte. Und während er so fiel, machte er den ersten langen Blick über seine eingeschränkte Umgebung hinaus. Da war ein großes, eckiges, gelbliches Gebilde, sehr, sehr hoch, sehr, sehr breit, mächtig, hm, rätselhaft, und darum herum eine Mauer, an der sich kreuz und quer in verschlungenem Muster wildes Blattwerk rankte, von der Ferne hatte es den Anschein, als wären die aufeinander geschlichteten Steine von netzförmigen Adern umfangen, und über diesem Wall, auf der weitläufigen Fläche, die das Palais umgab, denn dies war es, was das kleine Eichhörnchen derart in seinen Bann zog, herrschte ein seltsames Treiben, da waren großgewachsene Wesen mit sonderbaren Körpern, kleinen Köpfen mit überaus kleinen Ohren und langen Gliedmaßen, die aufrecht einher schritten, ohne die Vorderpfoten zu Hilfe zu nehmen – wie befremdend! – und bestimmt auch sehr anstrengend! – und auch gefährlich! – und sich mit einem sehr geheimnisvollen Tatendrang durcheinander bewegten… Seine Mutter, die ihn hochgehoben und behutsam wieder auf die Keulen gesetzt hatte, bemerkte die gebannten Blicke Kecks und folgte ihnen. „Das sind Menschen, mein Junge, und sie hausen in großen steinernen Kästen wie diesem. Wenn du auf der Hut bist und ihnen nicht zu nahe kommst und auch keinesfalls vertraust, können sie sehr gut zu dir sein. Es gibt viele von ihnen, die durch den Park streifen und ganz entzückt Oh! und Wie niedlich! rufen, wenn sie uns sehen und mit ihren lauten Stimmen auf uns einreden und dann gibt es meistens einen Leckerbissen, Nüsse, Obst oder gar Gebäck.“

Da schwirrte es über sie hinweg, hektisch flatternde Flügelchen streiften beinahe die kleinen, vorwitzigen Haarbüschel auf Kecks gespitzten Lauschern, dann ein Plumps, ein halberstickter Schrei und eine kleine Prise Amselflaum wurde aus dem Häufchen zerzauster Federn und Elend zu Füssen der Nagerfamilie hoch gewirbelt. „Das ist doch nicht zu fassen, wie oft habe ich dir gesagt, daß du die Schwanzfedern spreizen und die Flügel wölben und schräg anstellen mußt, wenn du landen willst!“, schimpfte Pinto, der stattliche, schwarzglänzende Amselhahn, rauschte im perfekten Gleitflug zwischen seinen Nachbarn hindurch und setzte neben seinem zwar sehr erschrockenen, aber zum Glück unverletzten Sprössling im Gras auf. Nachdem er dem Kleinen geholfen hatte, das gesträubte Gefieder zu glätten, wandte er sich mit blitzenden Knopfaugen zu Lavenia um. „Sie können von Glück reden, Teuerste, daß ihre Beiden nichts mit der Fliegerei zu tun haben werden! Es ist doch jedes Frühjahr dasselbe, sobald die Brut flügge wird, kostet sie mich den letzten Nerv! – Also, jetzt noch einmal ganz von vorne: Wie startet eine Amsel richtig? Hm? Na, wird’s bald? Was soll denn dieses Gestammele und Gestottere! Glaubst du vielleicht, ich hab‘ den ganzen Tag Zeit! Da oben im Nest hocken noch Zwei von deiner Sorte, unfolgsam und unaufmerksam bis zum Gehtnichtmehr, aber fliegen wollen sie, frei und unabhängig wollen sie sein, undankbares Jungvolk, undankbares!“…

Fortsetzung morgen!

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2 Antworten zu “Keck von der alten Eiche – Teil 1”

    • @Sany: Danke. Gleich gibt’s den zweiten Teil. Ich habe mal in einem kleinen Stadtpark Münchens in dem wundervollen Palais gearbeitet, welches ich ein bißchen beschrieben habe. Wenn auf der großen Terrasse nichts zu tun war, habe ich mich gerne zurück gezogen und die vielen großen und kleinen Tiere ringsum beobachtet. Da kam die Idee zu diesem Märchen. 😉

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