… Wilson Alwyn Bentley wurde am 09. Februar 1865 auf der elterlichen Farm nahe der Kleinstadt Jericho im US-Bundesstaat Vermont geboren. Er war ein kleinwüchsiges, zierliches Kind, still, in sich gekehrt, das lieber seinen Gedanken nachhing und die Natur beobachtete als mit den Nachbarskindern herumzutoben. Bis zu seinem 14. Lebensjahr wurde er von seiner Mutter, einer ehemaligen Lehrerin, unterrichtet, danach besuchte er ein Jahr lang die Schule in Jericho. Schon früh entwickelte er eine ganz besondere Leidenschaft für die kleinen Wunder der Natur – Wassertropfen, Insekten, Spinnweben, Blüten, und vor allem Schneeflocken…
… Zu seinem 15. Geburtstag bekam er ein altes Mikroskop geschenkt – und dieses Instrument beflügelte seine Leidenschaft schier grenzenlos. Er versuchte, Schneeflocken zu zeichnen, was ihm allerdings nicht recht gut gelang, denn selbst bei Minusgraden verflüchtigten sich die hauchfeinen Kristalle binnen kurzem. Wilson benötigte dringend eine Kamera!…
… Es dauerte bis zu seinem 17. Geburtstag, bis es ihm mit seiner Mutters Hilfe gelungen war, den sehr widerwilligen Vater, der die seltsamen Ambitionen seines zweiten Sohnes stets befremdlich fand, zu überreden, solch einen außergewöhnlichen Apparat anzuschaffen, der die damals geradezu horrende Summe von einhundert Dollar kostete…
… Doch es gab weit und breit niemanden, der dem jungen Mann beibringen konnte, wie die Kamera zu bedienen und die belichteten Platten zu entwickeln waren. Wilson „Snowflake“ Bentley benötigte über zwei Jahre voller Tüfteleien, herber Rückschläge und schier unendlicher Geduld, bis ihm am 15. Januar 1885 die mikroskopische Aufnahme einer Schneeflocke gelang – die weltweit erste brachte im Jahr 1879 der deutsche Naturwissenschaftler Johann Heinrich Flögel zustande. Aber niemand fotografierte diese Gebilde mit einer solchen Intensität und Leidenschaft wie Bentley. Bis zum seinem Tod erstellte er 5381 Fotos der bezaubernden und filigranen Kristallwesen…
… Der Farmerssohn fing die Schneeflocken mittels einer Truthahnfeder und platzierte sie vorsichtig auf ein mit schwarzem Samt bespanntes Holzbrett. Das Objektiv der Kamera, welches er mithilfe von Schnüren scharf stellte, hatte er auf eine ausgeklügelte Weise mit dem Mikroskop verbunden. Er verwendete eine sehr kleine Blendenöffnung und fotografierte mit einer Belichtungsdauer von bis zu 100 Sekunden, dadurch gelangen ihm Aufnahmen von großer Präzision…
… Neben seinen fotografischen Tätigkeiten führte Bentley tagtäglich sehr genau Buch über das Wetter, er arbeitete zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Charles erfolgreich auf der heimatlichen Farm, spielte Klarinette und Klavier. Er heiratete nie, obwohl er zweimal verlobt gewesen war. Vor allem in den Wintern verbrachte er die meiste Zeit im eisig kalten Schuppen mit seinen Studien. Dabei entdeckte er im Laufe der Jahre auch, dass keine Schneeflocke der anderen glich, was erst Jahrzehnte nach seinem Tod wissenschaftlich bestätigt wurde…
… Nachdem er dreizehn Jahre im Stillen gearbeitet hatte, interessierte sich Professor George Perkins von der Universität von Vermont für den „Schneeflockenmann“, erstand einige Fotos für ein Seminar, und half ihm, einen Artikel in einem Fachmagazin für Meteorologie zu veröffentlichen. Die Anerkennung als Wissenschaftler blieb Wilson A. Bentley allerdings versagt – er war zu schüchtern, zu schlicht, hatte nie studiert, geschweige denn eine fundierte, anerkannte Schuldbildung genossen. Zu seinem ersten Vortrag über den Zauber und die Einzigartigkeit von Schneeflocken kamen lediglich sechs Zuschauer:innen…
… Aber er gelangte trotzdem nach und nach zu Ruhm und Anerkennung. Seine von ihm in geradezu poetischer Schönheit verfassten und bebilderten meteorologischen Abhandlungen wurden in renommierten Zeitschriften wie „Country Life“, „National Geographic“ und dem „New York Times Magazine“ gezeigt. Und noch heute sind Schneeforscher:innen von den Aufzeichnungen und Werken Willi „Snowflake“ Bentleys begeistert…
… Im November 1931 veröffentlichte der forschende und fotografierende Farmer sein Lebenswerk, das Buch „Snow Crystals“. Nur wenig später zog er sich während eines Schneesturms eine Lungenentzündung zu. Er starb einen Tag vor Weihnachten. Als Wilson Alwyn Bentley auf dem kleinen Friedhof von Jericho beigesetzt wurde, soll es ganz zart und sachte geschneit haben…
… Collage von Aufnahmen Wilson A. Bentleys mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia…
… Der „Schneeflockenmann“ und seine Kamera, die er als Siebzehnjähriger geschenkt bekommen hatte. Er arbeitete bis zu seinem Tode täglich mehrere Stunden damit…
… Mit freundlicher Genehmigung von Wikipedia…

13 Kommentare zu “Der Schneeflockenmann…”
Eine schöne Lebensaufgabe 😊. Die Geduld ist bewundernswert. Ich habe gerade neugierig nach einem Bildband geschaut und bin wie immer direkt auf der Amazon Seite gelandet lustig was da steht: „Für dieses Produkt gibt es folgende zusätzliche Sicherheitshinweise
Achtung:Nicht in der Nähe von Hochspannungsleitungen benutzen.“ Ich bin irritiert.
Ja, dieser Mann hatte eindeutig seine große Berufung gefunden…
Ein Sicherheitshinweis für „Snowy Crystals“? Huch? – Ich habe grade auch nach dem Buch von Bentley gegoo.gelt, mir wurde das bei den Amazonen aber nicht angezeigt.
Stand bei mir unter der Ausgabe mit schwarzem Cover Hintergrund. Jetzt finde ich es aber auch nicht mehr. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich dazwischen noch bei einem anderen Produkt war. Wenn, war es eh ein Fehler 🙂
Ich überlege, ob ich mir „Snowy Crystals“ nicht zu Ostern schenken soll. Es ist ja doch ein ganz besonderes Buch.
Ich hab auch überlegt, ob ich mir dieses Buch kaufen soll. Ich glaube man nimmt es immer wieder in die Hand.
Ich kann mir vorstellen, dass es durch seine außergewöhnliche Schönheit vor allem an dunklen Tagen ein guter Helfer sein könnte.
Stimmt. In den Fotografien kann man sich bestimmt gut verlieren. Im positiven Sinn.
Was für ein schönes Winterthema, und wie schön, dass Du den Artikel ausgegraben hast. Ich erinnere mich gut, wie ich als Kind ehrfurchtsvoll staunte, als eine Lehrerin uns erklärte, das jede einzelne Schneeflocke ihre eigene Sternform hat.
Ich bin beim Lesen des neuesten Krimis der kanadischen Autorin Louise Penny auf den Schneeflockenmann Wilson A. Bentley gestoßen, habe einige Tage lang viel über ihn recherchiert und gelesen, um gestern dann diesen Blogpost zu verfassen. Die Fotos sind von Wikipedia, die Schreibe ist voll und ganz von mir, und eine kurze Zusammenfassung dessen, was ich im WWW erfahren habe.
Ja, das hat mich in meiner Kinderzeit auch staunen lassen. Ich glaube, es war mein Vater, der meinem Bruder und mir erzählt hat, dass keine Schneeflocke der anderen gleicht.
Sage doch niemand, dass das Lesen von Krimis nicht bildet.
Die Kriminalromane von Louise Penny tun das in jedem Fall.
Moin Martha, wie etwas gelernt. Flockig Toll! 😉
Tja, wie heisst es doch so schön: Bloggen bildet. 😉