… an meine Kindheit hing ich gestern am späten Abend nach, als ich es mir auf einer kleinen Sitzbank unter freiem Sternen- und Mondhimmel bequem machte, während die Herren Astronomen der Volkssternwarte München die Teleskope auf neue Sehenswürdigkeiten richteten…
… An meinem zehnten Geburtstag – das ist nun bald fünfundvierzig Jahre her – wurde ich nachmittags von meinen Eltern ins Wohnzimmer gerufen. Auf einer riesigen Buttercremetorte, wie sie nur meine Mutter zubereiten konnte, brannten die Kerzlein. Ein Strauß später Rosen zierte den Tisch. Doch meine Blicke fielen sofort auf den riesigen, roten Karton, der daneben postiert war. “Uiiiih! Ist das…?” – “Mach’ auf!”, meinten Mama und Papa nickend. Ganz, ganz vorsichtig hob ich den Deckel. Und strahlte vor Entzücken! Mein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen!…
… Nein, keine Barbie-Puppe! Auch kein hübsches Kleidchen, eine Puppenstube, schicke Schühchen, “Hanni-und-Nanni”-Büchlein. Mein Sehnen und Trachten in jenen Tagen galt einem Spiegelteleskop, um Sterne beobachten zu können…
… Mein bester Freund und Blutsbruder Wolfi – wir hatten uns, wie einige von euch bereits wissen, im Sandkasten kennen gelernt und sind viele Jahre lang unzertrennlich gewesen – hatte im Sommer von seinen Großeltern bereits so ein Teil geschenkt bekommen…
… Unsere Begeisterung kannte nun kein Halten mehr! Aufgepackt wie die Maulesel, mit den schweren Geräten und Stativen, wärmenden Wolldecken und Pullovern, die Rucksäcke voll mit Knabbereien und Thermoskannen heißen Tees, mit Sternenkarten und -büchern, astronomischen Zeitschriften stiefelten wir nun jede halbwegs klare Nacht los, um unsere Instrumente aufzubauen und in den samtig schwarzen, schier unendlichen Himmel zu spähen. Atemlos verfolgten wir die Bahn der damals noch wenigen Satelliten, die Schönheit des in der Schwärze majestätisch schwebenden bleichen Saturn mit seinen die Phantasie anregenden Ringen bezauberte uns, im Sommer vollführten wir johlende Freudentänze, wenn wir die Sternschnuppenschwärme der Perseiden beobachteten, wir äußerten bei jeder glimmenden Spur, die sich über das Firmament hinzog, eine Unzahl Wünsche und Träume. Wir focussierten den Mond und stellten uns vor, am Rande der großen, zerklüfteten Krater entlang zu spazieren – wenige Jahre später haben Armstrong, Aldrin und die anderen Astronauten der Apollo-Missionen diese Phantasien ja dann wahr werden lassen. Unsere Vorstellungskraft vollführte wilde Bocksprünge bei den Spekulationen, wie wohl Außerirdische aussehen mögen, und ob sie sich schon nahe der Erde befinden würden, und jede unregelmässige Himmelserscheinung, die sich dann zumeist als ein Flugzeug oder der Hubschrauber der SAR-Bergrettung entpuppte, jagte uns gruselnde Schauer über den Rücken – jetzt, jetzt haben sie uns gefunden, jetzt, jetzt landen sie und nehmen Kontakt mit uns auf!…
… Nach beinahe fünfundvierzig Jahren ziert dieses Spiegelteleskop, mit dem so sehr viele schöne und spannende Erinnerungen verbunden sind, meinen Schreibtisch. Es ist mittlerweile so verzogen, dass eine Himmelsbeobachtung nicht mehr möglich wäre. Doch trennen möchte ich mich von diesem Teil niemals. Es ist innig mit mir und meinem Leben verbunden…





