Archiv für N’gniggig’gnaggs

Die Buchstabenabstauber…

Veröffentlicht in 1, Allgemein, Dies Und Das, Gedanken, Inspiration, Menschen, Sonstiges mit den Tags , , , , , , , , , , , , , am Dezember 2, 2010 von freiedenkerin

… Zwischen den Deckeln vieler kostbarer, guter und lesenswerter Bücher lebt unbehelligt und unentdeckt ein kleines, merkwürdiges Völkchen: die N’gniggig’naggs. Sie sind dermaßen winzig, dass sie zwischen zwei Buchseiten stabhochspringen könnten, man bräuchte schon ein äußerst starkes Mikroskop, um ihrer ansichtig zu werden. Die N’gniggig’naggs sind von gar drolliger Gestalt, sehr hager, kurzbeinig, mit gekrümmten Rücken und fässchenförmigen Bäuchlein. Auf dem Kopfe mit raubvogelähnlichem Profil tragen sie keine Haarpracht, sondern ein Federkrönchen, wie ein Wiedehopf, aus dem rundlichen Steiß entspringt ein imposant geschwungener Federschweif, dem eines Pfauen gleichend. Ihre Augen sind über die Maßen groß und tiefdunkel, sanft schimmernd, von betörender Schönheit, die Ärmchen, Patschhändchen und -füßchen wirken schwächlich, verfügen aber über enorme Kräfte…

… N’gniggig’naggs sind von morgens früh bis abends spät damit beschäftigt, mit Hilfe ihrer Federschweife die aufgedruckten Buchstaben abzustauben, um belesenen und wissbegierigen Menschen ihre geliebten Bücher zu erhalten. Durchblättert man versehentlich ein Werk, welches sie grade zu säubern in Begriff sind, lassen sie sich blitzschnell in die Spalte zwischen den einzelnen Seiten rutschen, um sich dort geschickt zu verbergen. Wenn sie mit der Reinigung eines Buches fertig sind, was nicht sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, denn sie sind ausgesprochen zahlreich, sehr fleißig, umsichtig und gewissenhaft, versammeln sie sich auf einem der Staubkörner an der Oberseite des Einbandes. Dann bringen sie ihre prachtvollen Federn zum Rotieren und das Staubkorn zum Schweben. Und reisen so zum nächsten Werk…

… N’gniggig’naggs leben ausschließlich in Gesellschaft von Menschen, die ihre gesammelten, bedruckten Güter hegen und pflegen und zu schätzen wissen. Es hält sie nicht sehr lange bei Schmutzfinken, Gesellen, die ihre Bücher mit Speis und Trank bekleckern, Fettflecken und Krümel zwischen den Seiten hinterlassen, die Blätter zu Eselsohren knicken oder gar einreißen. Dann verschwinden sie auf die gerade geschilderte Art und Weise. Für weite Reisen nehmen sie auch gerne ein kleines Plätzchen im Gefieder eines braven, kleinen Singvogels in Anspruch, sie verbergen sich im Fell treuer Hunde und blitzgescheiter Katzen…

… Meine Mieze Smokey hat mir übrigens erst unlängst von den N’gniggig’nags erzählt. Tiere können diese zwar auch nicht sehen, aber wahrnehmen. Sehr empfindsame, phantasiebegabte Menschen sind ebenfalls dazu in der Lage. Legt mal ein Ohr an eines eurer Lieblingsbücher. Und wenn ihr dann ein ganz, ganz, ganz leises “Wsch, Wsch!” erahnt, dann wisst ihr, dass auch bei euch die Buchstaben all eurer geliebten und gehegten Lese-Schätze gewissenhaft abgestaubt werden…

… Aus meinem Buch “Die Spanschachtel”…

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