… Die Fortsetzung von Skriptum’s Stöckchen…
… Das erste Mal so richtig verliebt war ich mit ungefähr sechzehn Jahren. Es geschah während der Weihnachtsferien. Er hieß Steffen, er und seine Eltern, waschechte Stuttgarter, verbrachten in einer nahe gelegenen Pension die Feiertage. Oh, was ist das für ein hübscher Junge gewesen! Goldbraune Locken rieselten über sein Haupt, himmelblau strahlten seine Augen, er war noch ein gutes Stück höher gewachsen als ich “Bohnenstange”, gar herrlich hat es sich schmachtend in seinen Arme und an seine noch knabenhafte Brust kuscheln lassen… Mein erster Gedanke morgens galt ihm, beim Einschlafen des Nachts hatte ich stets den süßen Geschmack seines letzten Kusses auf den Lippen…
… Doch, ach, die Ferienzeit verstrich gar furchtbar schnell, es kam der Tag der Abreise und ein schier Herz zerreißender Abschied voneinander… Selbstredend hatte Steffen mir längst seine Telefonnummer gegeben. Unsere Familie hatte zwar jetzt einen Anschluss, doch wenn meine Eltern außer Haus gingen, sperrten sie das Wohnzimmer ab. (Im Schreibtisch befand sich das kleine Kästchen mit einem Vorrat an Schillingen für Ausflüge ins nahe Salzburg, und ich hatte mich vor Jahren einmal daran “bedient”, um meine arg zusammen geschmolzene Pokerkasse etwas zu sanieren, diese eine meiner ungezählten Schandtaten wurde mir jahrzehntelang nicht verziehen!) Keine Chance, an den Apparat zu gelangen – und dass man als empfindsamer Teenager im Beisein der gestrengen und wachsamen Erziehungsberechtigten kein Liebesgeflüster in den Hörer hauchen möchte, versteht sich ja wohl von selbst!…
… Zum Glück gab es da aber noch meinen “Nothelfer”, Papa’s großen Schulhaus-Schlüsselbund. Abend für Abend pflückte ich diesen klammheimlich vom Hakenbrett im Flur, schlich mich durch den kalten und düsteren Keller und die irgendwie nach klinischen Putzmitteln duftenden Flure der nahen “Lehranstalt” ins Büro des Direktors, um per dessen Telefon mit meinem Liebsten zu turteln. Aber ach, dieser schien recht schnell unsere Winterromanze vergessen zu haben, nach einigen Tagen bereits ließ er sich von seinen Eltern verleugnen. Mein kleines Herz blutete ein Weilchen und schmerzte gar fürchterlich, meinem Vater bereitete indessen die exorbitante Summe der Schultelefonrechnung (noch dazu während der Ferienzeit!) ziemliches Kopfzerbrechen. Nicht viel später tat er während des Abendessens ganz beiläufig kund, dass man jetzt am Apparat des Direktors einen Einheitenzähler installiert habe. Von da an ließ ich tunlichst meine Finger vom dicken, großen Schulhaus-Schlüsselbund…
… Das erste Mal allein in Urlaub flog ich im Alter von dreiundzwanzig Jahren. Da arbeitete ich bereits als Bedienung in der Schönauer “Bergwirtschaft”. Nachdem ich unserem Chefkoch, der mich unanständig befummeln wollte, eine schwere Bratpfanne über den Schädel gezogen und ihn so zur fristlosen Kündigung “überredet” hatte, musste ich eine Sommersaison lang “Strafdienst” als Küchenhilfe verbüßen. Danach vergönnte ich mir ein Geburtstagsgeschenk der besonderen Art: Eine Woche London…
… Himmel, was ist das aufregend gewesen! Spannend! Schlichtweg sensationell! Als ich mit meinem kleinen Köfferchen, herausgeputzt im besten Sonntagsstaate, in die Halle des alten Münchner Flughafens Riem stöckelte, wähnte ich mich auf einen anderen Planeten versetzt. Mich überwältigten die Eindrücke, das mitreißende, quirlige Treiben rund um mich, und das Geschehen auf dem Flugfeld, der Duft nach Kerosin, das Röhren, Winseln und Dröhnen der Triebwerke, das große Flugzeug, welches sich majestätisch in Bewegung setzte, zur Startbahn rollte, unvermittelt ohrenbetäubend laut donnernd raketengleich dahin schoss, die Fliehkraft, die mich in den weich gepolsterten Sessel drückte, die Welt, auf einmal so winzig klein, so weit da unten… Ich bekam von der freundlichen Stewardess ein Tablett mit kleinen dreieckigen Sandwiches serviert, bestellte mir einen Gin-Tonic dazu und fühlte mich On Top Of The World…
… Seit meiner Teenager-Zeit bin ich eine glühende Bewunderin der englischen Familiengeschichte “Forsyte Saga”, Mitte der Sechziger ist diese ja aufwändig in 26 Teilen verfilmt und im Fernsehen ausgestrahlt worden. Sie gilt quasi als die Mutter aller “Soap Operas”. Natürlich hatte ich mir bereits lange vor Reiseantritt die wichtigsten Handlungsorte der insgesamt fast 3.000 Seiten umfassenden Romane aufgelistet. Jeden Morgen, nachdem ich mir den Luxus eines Frühstücks auf dem Zimmer gegönnt hatte, suchte ich mir meinen Weg hinaus aus dem schier unergründlichen Kaninchenbau des großen Hotels nahe am Britischen Museum, und stiefelte los. Neben den Sehenswürdigkeiten Londons besah ich mir damals auch die Bayswater Road, Park Lane, Green Street, den Montpelier Square usw. Träumend verharrte ich vor den vornehmen Anwesen und Stadthäusern und versuchte, mir das Treiben während der spätviktorianischen Zeit und der zwanziger Jahre auszumalen, so, wie der Schriftsteller John Galsworthy dies seinerzeit vor Augen gehabt haben mochte…
… Das erste und gottlob bislang einzige Mal im Krankenhaus bin ich mit ungefähr achtzehn Jahren gewesen. An einem düsteren, verregneten Frühlingsmorgen wurde ich mit schmerzhaftem Ziehen und Stechen in der rechten Leistengegend, Bauchgrummeln und Übelkeit wach. “Akute Blinddarmentzündung!”, diagnostizierte der alte und behäbige Hausarzt, den ich aufgesucht hatte. “Drüber da Ludwigstraß’, in der Schönfeldstraß’n, da is’ a kloane Klinik, s’ “Josephinum”. Da gehst hin und meldest dich, i gib da die Überweisung glei mit.” Ich packte gehorsam mein Köfferchen, nahm das mit dem Hingehen wörtlich und marschierte trotz zunehmend heftiger werdender Krämpfe die gut eineinhalb Kilometer bis zu dem idyllisch gelegenen, im Jugendstil errichteten kleinen Krankenhaus. Eine halbe Stunde später lag ich bereits auf dem Operationstisch…
… Als ich mich wieder auf dem Wege der Besserung befand, verliebte ich mich schier unsterblich in den jungen, feschen, dunkelhaarigen, dunkeläugigen Dr. Berger, einen der Assistenzärzte. Dass ich nach einer Woche bereits aus dem “Josephinum” entlassen wurde, brach mir schier das Herz. Ein Weilchen lang versuchte ich mich im Schauspielern aller möglichen gefährlichen Gebrechen und Zipperleins, um von meinem Hausarzt noch einmal so eine Überweisung zu ergattern – es war jedoch anscheinend für den alten Fuchs unübersehbar, dass ich in Wahrheit vor Gesundheit nur so strotzte. Dann flog ich von der Sprachenschule, die ich seinerzeit äußerst erfolglos besuchte, weil ich bereits zwei “Ehrenrunden” drehen durfte, ein drittes Mal ein Semester wiederholen war nicht gestattet, ich stand vor einem Scherbenhaufen und musste mich so schnell als möglich um eine Arbeit bemühen – die beste Rosskur für ein liebeskrankes Gemüt…
















