… Letzte Nacht träumte ich, als Bedienung in einem mit viel Holzbalken und -verkleidung und ungezählten Stehrums und Schnickeldis auf “Neubayerisch” getrimmten Hotelrestaurant zu arbeiten. Zusammen mit einem gar prachtvoll feschen Mannsbild, so um die zwanzig Jahre jünger als ich, saß ich im Kreise meiner Kollegen/innen, wir falteten Servietten und ratschten. Ich verliebte mich in diesen jungen Kerl, und er sich wohl auch in mich, denn nach einer Weile beteuerte er mir, dass er sich nun zwischen einer anderen Frau, der er gleichfalls zugeneigt sei, und mir entschieden habe – und seine Wahl sei auf mich gefallen…
… Mein Liebster schien ein außergewöhnlich geselliger Mensch zu sein, unentwegt von einer Schar munter redender Bekannter und Freunden umgeben. Dennoch waren wir schließlich alleine. Wir fühlten uns sehr zueinander hingezogen, enttäuschenderweise verlief unser Tete-a-tete allerdings recht distanziert und ohne Zärtlichkeiten. Er schlug vor, es sei an der Zeit, dass wir unsere erste gemeinsame Nacht miteinander verbrächten, und ich willigte ein. So suchten wir die Rezeption, um uns ein Zimmerchen zu mieten. Diese Rezeption war lediglich ein sehr kleines, mit Buntglas verziertes Fensterchen, zudem noch dermaßen hoch angebracht, dass zwar mein Traummann, der sehr groß gewachsen war, hinein blicken konnte, ich aber trotz aller Neugierde nicht. Er bezahlte und bekam die Schlüssel ausgehändigt, wandte sich nach mir um und deutete himmelwärts: “Wir müssen jetzt ganz nach oben.”…
… Es waren sehr steile und überaus anstrengende Treppen mit teilweise sogar höchst unregelmäßigen Stufen, über die wir steigen mussten. Mein Liebhaber in spe, wie gesagt, eine ganze Ecke jünger als ich, stiefelte sportlich und frohgemut vorneweg, ich mühte mich hinkend und keuchend wie eine Dampflok ab, ihm zu folgen, und fragte mich in Gedanken: “Was will der Kerl bloß mit mir alten Kuh mit Hängebusen, Zellulite und aus dem Leim gegangener Figur, der könnte doch an jedem Finger zehn weitaus jüngere und hübschere Weiber haben!”…
… Zwischendrin legten wir ein Päuschen ein und machten Brotzeit, mein Freund hub an, mit der Bedienung eine sehr lebhafte Diskussion zu führen, seine Argumente untermauerte er mit geschwind aus den Jacken- und Hosentaschen gezogenen Statistiken, Listen und Tabellen. Nach dem letzten Bissen fiel mir auf, dass wir ein Gericht mit sehr viel Sauerkraut genossen hatten, und ich hatte nun so meine Zweifel betreffs der Qualität der bevorstehenden Liebesnacht…
… Endlich hatten wir unser Zimmer erreicht, direkt unterm Dach gelegen, mit abgeschrägten Wänden, gerüschten, rotkarierten Vorhängen an den kleinen Fensterluken, mit kargen Bauernmöbeln ausgestattet. Eigentlich waren es ja zwei winzig kleine Räume, in jedem stand ein überaus schmales Bett. Meine Zweifel meldeten sich angesichts dessen erneut – und sie wuchsen ins Unermessliche, als mein Liebster zum Telefon griff und meinte: “Ich sag’ jetzt gleich mal all unseren Freunden Bescheid, dass wir hier oben miteinander schlafen werden, die sollen das ruhig wissen, dann gibt es kein Herummunkeln und Mutmaßen.” Ich schluckte äußerst beklommen…
… Kurz danach wurde die Tür aufgerissen, und die ganze große Schar all unserer Bekannten drängte sich plappernd, giggelnd und lachend in die bescheidene Unterkunft. Anstatt sich mit mir zu befassen, hielt der “Traummann” großzügigst Hof, und diskutierte ungemein lebhaft über Gott und die Welt, wiederum beständig aus den Klamotten bündelweise Dokumente zaubernd. Ich schützte vor, auf die Toilette zu müssen – und trat die Flucht an. Erst als ich im Freien, in der weißen, verschneiten Winterlandschaft stand, hielt ich inne und atmete erleichtert auf…


























