… Dienstbeginn in der weitläufigen Garderobe vor der großen Bibliothek im Kulturzentrum war für dreiviertel elf Uhr vormittags angesetzt. Martha traf kurz vor halb Elf ein. Im, durch große, weiße Paravents abgeschirmten, privaten Bereich in der hintersten rechten Ecke saßen bereits zwei Kolleginnen – Frau S., gedrungen, mit kurzer Blondhaarfrisur, und Frau G., klein, pummelig, mit braunhaarigem Lockenkopf. Martha’s “Grüß Gott!” wurde von den Damen ignoriert, ihr schien die Atmosphäre im Raum geladen mit Feindseligkeit und Aggressivität. Frau S. knurrte: “Sie sind also die Neue.”…
… Wenig später traf die zuständige Dienstleiterin ein, Frau C., drahtig, schwarzhaarig, mit modischer Brille. Sofort gerieten Frau S. und sie sich wegen irgendwelcher Stunden- und Terminzahlen in die Haare. Frau S. rauschte beleidigt Richtung Garderoben-Theke, Frau G. im Schlepptau. Frau C. wandte sich an Martha: “Falls ich da jetzt irgendwelche rechtlichen Schritte ergreifen sollte, da kann ich doch auf Sie als Zeugin bauen, oder?” Martha zuckte die Schultern, und dachte zum ersten Mal an diesem Tage: “Oh, mein Gott, wo bin ich da nur hingeraten!”: “Ich weiß nicht, ich habe Ihre Unterhaltung nicht so genau mitverfolgt.” – “Die S. hat mich als Kameradenschwein bezeichnet, das müssen Sie doch gehört haben!” – “Nein, tut mir leid. Aber daß ihr Ton sehr aggressiv gewesen ist, das kann ich durchaus bestätigen.” – “Na, das ist ja immerhin schon mal etwas. Hier in dieser Abteilung brodelt’s nämlich schon seit längerem, das müssen Sie wissen. Und das wird höchste Zeit, daß dagegen mal was unternommen wird.”…
… Danach wurde Martha eingewiesen: Die Garderobe sei kostenfrei, und die Bibliotheks-Besucher müssten Jacken, Mäntel sowie Taschen und Rucksäcke bei uns abgeben, allerdings keine Lebensmittel oder elektrische bzw. elektronische Geräte, die müssten in bereit stehende rote Körbchen deponiert und in denVorraum mitgenommen werden. Einhängen würde jede von uns in zwei langen Reihen, und zwar immer von vorne nach hinten. Für jedes Teil müsse man einen extra Garderobenschein aushändigen. So weit so gut…
… Im Laufe des Vormittags bekam Martha beim Arbeiten mehrmals mit, wie Frau S. und Frau G. tuschelnd über sie ablästerten, so z. B.: “Was hat man uns denn da für eine geschickt, die kann ja nicht einmal richtig einhängen!” Nachdem Martha aus Versehen bei der Rückgabe eines Rucksacks aus der Abteilung einer Kollegin fünfzig Cent Trinkgeld an sich genommen hatte, bezichtigte man sie hinter vorgehaltenen Händen sogar, sie hätte versucht, zu besch…en…
… Gegen Mittags stellte Frau S. ohne weitere Erklärung das Schild “Diese Sektion ist vorübergehend nicht besetzt!” vor Martha’s Nase. So zog sie sich also in den abgeschirmten Bereich zurück, in der Annahme, nun ein wenig Zeit zum Ausruhen und Beruhigen zu haben. Kaum hatte sie Platz genommen, entfernte man vorne am Tresen das Schild wieder. Es dauerte keine zwei Minuten, da kam die Leiterin nach hinten gestürmt, und blaffte: “Was machen Sie denn hier! Gehen Sie gefälligst wieder nach vorne!” Martha erwiderte, um Ruhe und Fassung bemüht, daß sie der Meinung gewesen sei, nun Pause zu haben, ging aber dann doch sogleich wieder nach vorne…
… Das Getuschel und Gefeixe von Frau S. und Frau G. nahm einfach kein Ende, Martha gab sich alle erdenkliche Mühe, die Beiden zu ignorieren. Um halb Zwei erklärte Frau C., daß nun der Hauptansturm einsetzen würde. Von diesem Moment an war die Leiterin so gut wie nicht mehr in ihrer Sektion links von Martha zu finden. Sie saß hinten, führte ein ausgedehntes Privatgespräch, unterhielt sich sehr ausführlich mit den beiden Kolleginnen, die für die Garderobe eines der beiden kleinen Theatersäle eingeteilt waren, trank sehr gemütlich Kaffee, durchblätterte einen Al.di-Prospekt und machte sich Notizen, was sie denn am Montag einkaufen würde – Martha konnte all dies stets beobachten, wenn sie in den hinteren Regionen ihrer beiden Garderobe-Reihen zu tun hatte…
… Auch ihre beiden anderen “Kolleginnen” glänzten häufig entweder durch Abwesenheit oder Unlust. Martha geriet zusehends unter Druck, unaufhörlich musste sie nicht nur in ihrer Abteilung ein- oder aushängen, sondern zusätzlich noch für Frau C., Frau S. und Frau G. die Ausgabe machen…
… Martha’s zwei Reihen waren hoffnungslos überfüllt. Keine Chance, sich an das zu Anfang erklärte System, konsequent von vorne nach hinten einzuhängen, weiterhin halten zu können. Um die am Vormittag abgegebenen Garderobestücke nach hinten zu verrücken zu können, fehlte die Zeit. So begann sie, links beginnend, die obere Reihe an Haken zu nutzen. Frau C. glänzte nach wie vor durch Abwesenheit, selbst laute, in dringlichem Ton gehaltene Rufe von Frau S. konnten sie nicht dazu bewegen, sich auf ihren Posten zu begeben…
… Schließlich tauchte sie wieder auf, Martha war grade mit zwei Marken in der Hand dabei, die gewünschten Jacken und Taschen auszugeben. Quer durch den ganzen Raum brüllte Frau C. ihr vom Tresen aus zu: “Jetzt kommen Sie gefälligst nach vorne, und kümmern sich um Ihre Kundschaft!” Martha hielt die Zettel in die Höhe und erwiderte, nach wie vor um Ruhe bemüht: “Das tue ich doch gerade!” Frau C. preschte durch ihre Abteilung, die zwei Garderobenreihen kontrollierend. “Bei Ihnen hängt ja alles kreuz und quer durcheinander! Haben Sie nicht aufgepasst, als ich Ihnen das vor Dienstbeginn erklärt habe?” – “Meine Abteilung war voll, Frau C., mir bleibt doch gar nichts anderes übrig, als übereinander zu hängen.” – “Erzählen Sie mir doch nicht so einen Blödsinn!”, blaffte die Leiterin mit in die Hüften gestemmten Händen…
… Bei Martha war nun ein kritischer Punkt erreicht worden. Sie fühlte, wie sie innerlich völlig eiskalt, angstfrei, gelöst von allen Bedenken wurde. “Ich arbeite hier seit vier Stunden ohne Pause durch, ich bediene nicht nur meine eigene Abteilung, sondern auch noch zusätzlich die Ihre und hin und wieder sogar noch die der anderen Damen. Wären Sie und die Kolleginnen nicht mit stundenlangen Pausen und Privattelefonaten beschäftigt gewesen, dann hätte ich Zeit und Umsicht genug gehabt, fein säuberlich einzuhängen, wie Sie mir das beigebracht haben.” Martha hörte mit halbem Ohr, wie Frau S. und Frau G. hinter ihr scharf die Luft einsogen. Frau C. plärrte: “Jetzt schlägt’s aber dreizehn!!! Das haut dem Faß doch den Boden aus! So eine Unverschämtheit! Sie machen Fehler, und machen dafür jetzt uns verantwortlich!!!” Martha griff nach ihrer Uniformjacke, die über einer Stuhllehne hing. “Wissen Sie was, wir kommen jetzt zu einem gepflegten Ende, Sie und ich – ich werde jetzt gehen. Auf Wiedersehen!” Sie holte ihren Rucksack, und verließ die Räumlichkeiten, ohne einen weiteren Blick auf ihre “Kolleginnen” zu werfen…
… Wenn nicht einmal vier Menschen für die Dauer von einigen wenigen Stunden friedlich, offen, höflich und mit etwas Respekt miteinander umgehen können, wie soll das dann jemals etwas mit dem Weltfrieden werden…