Unwort
… Gestern mittag wurde im Rahmen der Diskussionsrunde „Presseclub“ so etwas wie ein Jahresrückblick gehalten. Unter anderem kam auch der Anschlag bei Kundus/Afghanistan zur Rede. Einer der vier anwesenden hochkarätigen Journalisten zitierte aus dem Bericht der Feldjäger, die an den bombardierten Tanklastzügen die ersten Untersuchungen durchgeführt hatten: Man habe nur geringe Spuren von Humanmaterial vorgefunden…
… Humanmaterial. Diesen Ausdruck sollte man ruhig mal ein Weilchen durch die Gehirnwindungen wandern lassen. Humanmaterial. Was für ein zynisches Wort. Roh. Herzlos. Kaltschnäuzig. Gefühllos. Demütigend. Entwürdigend. Verachtend. Unmenschlich…
… In Zeiten, die noch gar nicht so lang zurück liegen, als Takt, Pietät, Anstand, Achtung vor der Würde des anderen zumindest noch in geringem Maße Gewicht hatten, pflegte man die mit Sicherheit verkohlten, verschmorten Haut- und Fleischfetzen, die Knochensplitter der Opfer als „menschliche bzw. sterbliche Überreste“ zu bezeichnen. Egal, ob Muslime, Mitglieder der Taliban, ob Freund oder „Feind“, egal, welcher Hautfarbe – weiß, braun, gelb, schwarz, lilablassblau – die bei dem Bombardement ums Leben gekommenen waren Mitmenschen. Sie haben geatmet, ihre Herzen hatten sich geregt, Seelen wohnten ihnen inne, sie haben gelebt, geliebt, gelacht, geweint. Sie hatten Familien, um deren Erhalt sie sehr oft bitterlichst zu ringen hatten. Sie hatten Frauen, Söhne, Töchter, Mütter, Väter, Geschwister. Die Getöteten des Anschlages von Kundus als Humanmaterial zu bezeichnen ist eine Schande ohnegleichen. Eine inhumane Wortschöpfung der weithin so gerühmten deutschen Sprache!…
Dezember 21, 2009 um 3:51 pm
Das ist doch eine logische Folge des Unwortes „Kollateralschaden“. Jetzt wissen wir endlich, was da eigentlich Schaden erleidet.
Gibt es den Begriff „Wortschänder“ schon?
Dezember 21, 2009 um 4:07 pm
@theomix: Stimmt, das ist die logische Folge auf „Kollateralschaden“.
Oh, ich glaube, den Begriff „Wortschänder“ hast du soeben erfunden. Du solltest dir diesen Begriff patentieren lassen. Und dann sorgen wir dafür, daß „Wortschändung“ in die Liste der mit empfindlichen Strafen zu ahndenden Verbrechen aufgenommen wird.
Dezember 21, 2009 um 6:13 pm
Ein sehr guter Beitrag, liebe Margot!
Und jetzt musste ich nach dem „Wortschänder“ googeln und bin dabei auf eine interessante Veranstaltung gestoßen, die ich mal wieder verpasst hab: http://bog.wochenanzeiger.de/article/92766.html
Ich werde aber den Autor im Auge behalten …
Liebe Grüße
Renate
Dezember 21, 2009 um 6:22 pm
@Quizzy: Danke. Das musste ich einfach so schreiben.
Danke für den Link. Die nächste Veranstaltung möchte ich mir keinesfalls entgehen lassen.
Herzliche Grüße!
Dezember 21, 2009 um 7:05 pm
Dank Quizzy sehe ich, dass ich doch nicht zum Patentamt darf. Da waren schon andere vor mir…
Dezember 21, 2009 um 9:29 pm
@theomix: Ja. Hm… Das hätt’ ich jetzt ohne Quizzy auch nicht gewußt.
Dezember 21, 2009 um 9:11 pm
Wie recht du hast liebe Freidenkerin. da sieht man mal wieder das es in der Welt doch immer gefühlloser zugeht.
Dir einen schönen Abend
Dezember 21, 2009 um 9:31 pm
@Sany: Und gewissenloser. Und die Ehrfurcht vor dem Wunder des menschlichen Lebens scheint rapide abzunehmen.
Liebe Grüße!
Dezember 22, 2009 um 9:18 am
Gefühllos bist du, liebe Margot, ganz gewiss nicht! Das wollte ich hier nur mal anmerken, denn schließlich hatte ich gestern eine wunderschöne Weihnachtskarte von dir im Briefkasten!
http://paradalis.wordpress.com/
Vielen lieben Dank dafür!!
Ich wünsche einen angenehmen Tag und liebe Grüße in die Runde!
Heike
Dezember 22, 2009 um 12:15 pm
@paradalis: Manchmal fürchte ich, sogar a bisserl z’vui G’fühl zu haben.

Freut mich, daß dir die Karte gefällt!
Wünsche dir auch einen guten und schönen Tag!
Dezember 22, 2009 um 10:04 am
Bei solchen Wortungebilden kommt mir auch immer das Gruseln. Wir leben schon in einer seltsamen Welt, die mir oft genug einen Schauer iüber den Buckel jagt. Umso schöner ist es, wenn man Menschen kennt, die sensibel sind und das Spüren und Fühlen nicht verlernt haben.
Wünsch dir einen schönen Tag.
Liebe Grüße, Mizi B.
Dezember 22, 2009 um 12:17 pm
@Mizi B.: Ja, das ist eine der gruseligsten Wortschöpfungen, die mir je zu Ohren gekommen ist. Manchmal ist es schwer, mit dieser so sehr gegensätzlichen Welt zurecht zu kommen.
Liebe Grüße, hab du auch einen schönen Tag!
Dezember 22, 2009 um 10:04 am
Das Wort habe ich vor 24 Jahren beim Bund gelernt. Als es darum ging, dass die Russen nicht besonders gutes Kriegsmaterial haben. Aber eben sehr viel Humanmaterial. Heute kommen noch die Chinesen dazu.
Dezember 22, 2009 um 12:18 pm
@Mark: Sieh mal an, dann ist das gar keine „Erfindung“ jüngster Tage? Das liest sich schon so: Humanmaterial = Kanonenfutter.
Liebe Grüße!