Berchtesgaden im Advent
… Wenn die Sonne sich um den Nikolaus-Tag herum hinter den schnee- und eisbekränzten Berggipfeln zur Ruhe begibt, wird’s unheimlich in Berchtesgaden. Urtümliche Schreie, der laute und dumpfe Hall riesiger Kuhglocken, das Rasseln von Ketten und das Rascheln von Stroh branden durch das kesselförmige Tal…
… Viele Bräuche des Berchtesgadener Landes sind eine Mischung aus heidnischen, vermutlich keltischen, und christlichen Riten. Durch eine möglichst große Lärmentfaltung böse Geister zu vertreiben, spielt bei uns eine sehr große Rolle. Am fünften und sechsten Dezember toben die Butt’nmanndl in ihren Horden, Bass’n genannt, durch die Ortschaften. Sie begleiten den Heiligen Nikolaus, der von Haus zu Haus wandert, um Kindern die Leviten zu lesen, sie aber auch mit kleinen Geschenken und Spezereien zu erfreuen…
… Butt’nmanndl darf nur ein lediger junger Mann werden – und der sollte über eine ausgezeichnete körperliche Konstitution verfügen! Bereits am frühen Nachmittag beginnen die Vorbereitungen. Die Burschen werden zunächst, am Boden liegend, auf eine kunstvolle Weise in übermannshohe Garben Stroh eingebunden, und dann aufgerichtet, an ihren Rücken werden sehr große, sehr schwere Kuhglocken befestigt und man setzt ihnen abschreckende Masken auf, eine handgeschnitzte Fratze oder einen Tierkopf mit lang heraus hängender Zunge und Hörnern…
… Eine Bass darf nie mehr als Zwölf zählen. Bevor sich die Furcht einflössende Schar auf den Weg macht, wird noch ein Gebet gesprochen und der Segen erteilt. Und dann geht sie los, die wilde Jagd, und jedem, der sich unvorsichtigerweise auf den Straßen blicken lässt, werden mit Haselnussruten oft schmerzhafte Hiebe verabreicht. Der Gefürchtetste der wilden Horde ist der Fellkrampus, bei uns Gangkerl genannt, wieselflink und athletisch setzt er den Flüchtenden nach, kaum ein Bursch oder Mäderl entkommt ihm…
… Das Toben geht bis weit in die Nacht hinein, und es ist immer wieder erstaunlich, wie viele brave und wohlerzogene Kinder es nach dem Nikolaus-Tag in Berchtesgaden gibt…





Dezember 5, 2009 um 11:11 pm
Da habt Ihr ja eigenartige Sitten …so etwas gibt es bei uns hier im Münsterland nicht.
Wünsche Dir einen „2vollen Nikolaustiefel und einen besinnlichen 2. Advemt!
Liebe grüße, Petra
Dezember 6, 2009 um 11:28 am
@Follygirl: Ja, vor allem im Advent geht’s bei uns teilweise recht wild zu!
Urtümlich halt.
Wünsche dir auch einen prallvollen Nikolausstiefel und einen geruhsamen Sonntag!
Herzliche Grüße!
Dezember 5, 2009 um 11:18 pm
Teilweise unheimlich aussehende Gesellen, die du da fotographiert hast.
In Bayern gibt es schon recht eigentümliche Sitten und Gebräuche.
Liebe Grüße
Bärbel
Dezember 6, 2009 um 11:30 am
@BbdüM: Das ist auch in der Tat ein unheimlicher Anblick! Selbst mir als mittlerweile recht „großem Mädchen“, welches in der Regel ungeschoren davon kommt, jagt der Anblick einer tobenden Buttnmanndl-Bass immer noch Schauer über den Rücken!
Ja, wir Bayern haben nicht nur das gesellig-beschauliche Volksgut überliefert.
Herzliche Grüße!
Dezember 5, 2009 um 11:34 pm
Nachtijall ick hör dir trappsen. (Wenn so viel berlinern auf einem tiefbayerischen beitrag erlaubt ist
)
Natürlich heidnisch, aber gut katholisch schwuppwupp „getauft“, schon darf es bleiben. Gebet und segen drüber, ja, fertig… Dann kommt noch der alte bischof aus der Türkei dazu, schon ist es ne halbe prozession.
Ich schlacker mit den ohren…
Dezember 6, 2009 um 11:36 am
@theomix: Du weeßt ja, mein Jutster, daß icke selba sehr gerne berlinere.
Eine Prozession ist der Lauf der Butt’nmanndl allerdings auf gar keinem Fall, auch keine halbe.
Dafür ist’s zu laut, zu wild, zu urtümlich. Aber ein großartiger Anblick, der einem irgendwie das Blut schneller durch die Adern treibt, atavistisch irgendwie…
Berchtesgaden ist seinerzeit, im ausgehenden elften Jahrhundert, in mancherlei Hinsicht recht unzugänglich gewesen. Und so denke ich, daß den „Eroberern“ eines niederbayerischen Fürstenhauses gar nix anderes übrig geblieben ist, als sich mit den rauen – und eben heidnischen – Sitten und Gebräuchen der Einheimischen zu arrangieren, sprich, sie mit katholischem „Kulturgut“ zu durchsetzen.
Herzliche Grüße, wünsche dir und den Deinen einen geruhsamen und schönen Adventssonntag!
Dezember 6, 2009 um 1:47 am
Na, dann wünsch ich dir doch auf jeden Fall einen wunderschönen Nikolaustaganz ohne unliebsame Besucher! Schließlich bist du doch ein extrem artiges Mädel…
Liebe Grüße,
Fuchsi
Dezember 6, 2009 um 11:37 am
@Fuchsi: Danke dir!

Ja, das hast du ganz richtig erkannt, ich bin schon gar ungeheuerlich brav und artig.
Herzliche Grüße!
Dezember 6, 2009 um 10:01 am
Hm. Ds kenne ich auch nicht. Aber das mit den braven Kindern um den Nikolaustag herum beobachte ich auch jährlich. Töchterlein war gestern so was von brav. Geradezu erstaunlich
*g*
Dezember 6, 2009 um 11:39 am
@Sany: Ich glaube, daß derlei Brauchtum keltischen Ursprungs eher auf die süddeutschen bzw. alpenländischen Regionen begrenzt ist.
Ja, ja, der liebe St. Nikolaus hat immer noch Einfluss auf die Kinderlein!
Dezember 6, 2009 um 10:16 am
Das liest sich sehr faszinierend!
Doch ich stelle mir das auch sehr furchteinflößend für kleinere, aber auch für größere Kinder vor… Haben die Kinder da keine Angst?
Ich wünsche dir einen schönen 2. Advent!
Dezember 6, 2009 um 11:48 am
@Lilo: Doch, doch, als Kind hat man schon Angst, ich weiß das ja aus eigener Erfahrung, und von meinem lieben kleinen Neffen. Doch wenn der Nikolaus Familien besucht, und dazu ein oder zwei Buttnmanndl und den Gangkerl mit in die Wohnung nimmt (natürlich nur mit vorher erteilter Erlaubnis!), dann spielt sich das Ganze recht harmlos ab. Die Buttnmanndl brüllen und scheppern gar laut mit ihren Glocken, der Gangkerl faucht und versetzt einige leichte Klapse mit der Gerte – und das war’s dann und ist innerhalb einiger Tage auch wieder vergessen. Man weiß irgendwie, daß das Brauchtum ist und zum Leben dazu gehört.
Es ist malerisch, und aufregend, und irgendwie wunderschön und faszinierend!
Dir auch einen wunderbaren Adventssonntag!
Dezember 6, 2009 um 11:08 am
Übrigens, ich verlinke dich mal auf meinem Kreativ-Blog
Dir einen schönen Nikolaustag und 2.Advent.
Sany
Dezember 6, 2009 um 11:48 am
@staffa: Oh, ich danke dir!
Es ist mir eine Ehre, von dir verlinkt zu werden!
Wünsche dir auch einen gar wundervollen Nikolaus-Sonntag!
Dezember 6, 2009 um 11:11 am
Ja, unsere Sitten und Bräuche mögen auf andere eigenartig wirken und ja, sie wurden christianisiert, aber anders hätten sie nicht überlebt. Und ich bin froh, dass wenigstens noch ihre Reste bestehen, denn das sind wichtige Wurzeln, die zu einer sehr kraftvollen Zeit unserer Ahnen führen. Nicht umsonst erinnert man sich verstärkt gerade in solchen unruhigen Zeiten genau dieser Schätze. Vor allem in dieser Zeit, in der sich so viele leer und energetisch ausgelaugt fühlen. Da gilt es zu den Quellen der eigenen Wildheit zurückzufinden.
Es wird gerne behauptet bei uns hätte es keine schamanische Tradition gegeben, aber genau in diesen Bräuchen findet man Reste davon, ebenso in unseren Märchen. Ich bin froh um diese Schätze.
Viele Grüße, Tatzelwurm
Dezember 6, 2009 um 11:54 am
@Tatzelwurm: Oh, ich bin davon überzeugt, daß in unseren seinerzeit unzugänglichen Regionen eher das Christentum nicht überlebt hätte, hätte es sich nicht mit den überlieferten Sitten und Gebräuchen arrangiert.
Und es ist auch in der Tat grade diese überlieferte Wildheit, die einen das Leben bis in die letzten Fasern spüren lässt. Da wird etwas ganz Urtümliches wach! Natürlich hat es in den Regionen, welche vor über zweitausend Jahren von den Kelten besiedelt gewesen waren, Schamanismus gegeben, das wird ganz augenfällig, wenn man diese wilden, maskierten Horden durch die Straßen stürmen sieht. Das eigene Kulturgut, die Überlieferungen der Heimat bis in die weit, sehr weit zurück liegende Vergangenheit sind doch die Wurzeln, welche unsere Lebensbäume stützen.
Ganz liebe Grüße zurück!
Dezember 6, 2009 um 4:36 pm
Eine wirklich tolle Sache und danke für deine Erklärungen. Mir scheint, 2010 müssen wir wohl mal ins Berchtesgadener Land aufbrechen
Dezember 6, 2009 um 5:25 pm
@Worti: Gerne!
Oh, das Berchtesgadener Land ist stets einen Ausflug wert! Aber die Zeit um Nikolaus und Weihnachten ist dort halt etwas ganz besonderes.
Dezember 6, 2009 um 5:10 pm
Uhhh, da läufts mir kalt den Rücken runter… Weil ich aber so brav war, hat mir der Nikolo heute bei der Übersiedlung auf meinen eigenen Blog geholfen *stolzbin*
Liebe Nikologrüße zu dir, Elisabeth
Dezember 6, 2009 um 5:27 pm
@Elisabeth: Freut mich, daß du beim Übersiedeln auf deinen Blog so tatkräftige und heiligmässige Hilfe hattest.
Herzliche Nikologrüße!
Dezember 6, 2009 um 5:41 pm
In dein Hei8matland will ich eh noch. Aber auch im Sommer – wegen den vielen Sagen und Legenden, die der Landstrich beherbergt.
Dezember 6, 2009 um 5:46 pm
@Worti: Oh, Sagen und Legenden gibt’s bei uns jede Menge! Ich kann dir gerne mal ein Bücherl zum Lesen geben, wenn du willst.
Dezember 6, 2009 um 5:50 pm
Hab auch schon eines
Deines nehme ich gerne noch zum Lesen dazu
Dezember 6, 2009 um 5:57 pm
@Worti: Soll ich’s dir schicken oder am Flughafen vorbei bringen oder wollen wir uns mal wieder im gemütlichen „Jennerwein“ treffen oder wollt ihr mich wieder mal besuchen kommen?