Aktion Mut (1)
… Die liebe Mitbloggerin Follygirl hat vor einigen Tagen die “Aktion Mut” ins Leben gerufen. Und dies ist mein Beitrag dazu:
… Vor etlichen Jahren arbeitete ich in einem wohl angesehenen Lokal Schweizerischen Ursprungs am Münchner Lehnbachplatz. Das Ambiente des Hauses war gediegen, leicht vornehm, die Speisen und Weine sehr gut, wenn auch preislich nicht für schmale Geldbeutel gedacht. Berühmt war das Restaurant jahrelang für seinen üppigen Sonntagsbrunch…
… Leider entsprach die Qualität des Personalessens hinter den schönen Kulissen bei weitem nicht der des kulinarischen Angebots für die Klientel. Bis Mitte der Woche wurden zumeist die Reste vom Brunch aufgemotzt und zusammen gepantscht, die restlichen Tage gab es lieblos hingeschluderte Gerichte, die sehr oft aussahen, als hätten sie sich bereits zuvor in einem Verdauungstrakt befunden. Magen-Darm-Erkrankungen kamen ausgesprochen häufig vor…
… Eines Tages informierte man uns mit viel Getöse, daß während der kommenden vier Wochen unerkannt Tester das Restaurant besuchen und vor allem den Service bewerten würden. Danach würde man auf einer Personalversammlung über die Ergebnisse diskutieren…
… Der Monat verstrich, über achtzig Bedienungen und Kellner durften es sich im großzügig gestalteten Raum im ersten Stock gemütlich machen. Und dann prasselte ein Wortschwall auf uns nieder, eine Tirade sondergleichen! Wir hätten von hundert möglichen Bewertungspunkten lediglich siebenundachtzig erreicht! Der Service in diesem Hause sei eine Schande! Wir sollten uns schämen, daß wir derart schlampig und gewissenlos unsere Arbeiten verrichten würden! Da platzte mir der Kragen, ich meldete mich zu Wort: “Also, ich versteh’ jetzt diese Aufregung nicht. Ich habe eineinhalb Jahre lang als Aushilfslehrkraft an der hiesigen Berufsschule gearbeitet. Wenn ich mich noch richtig an den Notenspiegel erinnere, dann bedeuten siebenundachtzig Punkte eine gute Zwei. Was soll daran nicht in Ordnung sein? Ich gehe fest davon aus, daß sich keiner dieser Tester während der Essenszeiten in der Kantine hat blicken lassen, die Bewertung unseres Personalessens hätte dann nämlich mit Sicherheit keine zehn Punkte ergeben!” Mit glühenden Ohren, funkelnden Augen und pochendem Herzen nahm ich wieder Platz. Die Herren der Geschäftsleitung blickten mich böse an, raschelten ein Weilchen mit ihren Papieren und gingen zum nächsten Tagungspunkt über…
… In diesem Hause hatten die Serviceleiter ein Leben wie Gott in Frankreich! Sie machten kaum einen Finger krumm, speisten feudal die teuersten Gerichte und genossen die erlesendsten Schweizer Weine dazu. Nachdem ich mich als Bedienung eingearbeitet hatte, wunderte ich mich oft, warum ich ausnahmslos schlechte Stationen zugeteilt bekam. Bis mich ein Kollege aufklärte: “Da mußt du am Freitag dem Mirko (der Oberkellner, der für die Personaleinteilung zuständig war), wenn er den Dienstplan schreibt, einen Fünfziger zustecken. Und dann gibt er dir die ganze Woche lang gute Stationen.” Mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge, ich war zutiefst empört. Ich soll diesen Nichtstuer, der nicht nur ein gutes Gehalt einstreicht, sondern auch noch lebt wie die Made im Speck, mit meinem überaus sauer verdientem Geld schmieren?…
… Der übelste Kanditat der Geschäftsführer-Riege war allerdings ein gediegen wirkender, hochgewachsener, grauhaariger Mann namens Schmittke. So übel deshalb, weil er ein Grapscher ersten Ranges war. Kein weibliches Wesen war vor seinen gierigen Fingern sicher, die immer und immer wieder wie rein zufällig über den Busen oder den Po glitten und tasteten. Ekel und Frust steigerten sich ins schier Grenzenlose…
… Eines Tages hatten wir eine geschlossene Gesellschaft – eine Delegation wichtiger, internationaler Geschäftsleute! - mit einem Viergangmenü zu traktieren. Am Küchenpass hatten sich nicht nur der Chefkoch und Schmittke versammelt, sondern auch der Direktor des Hauses samt seiner Frau und dem Leiter des Personalbüros, seiner rechten Hand. Da ich einen ziemlich diffizilen Gast mit etlichen kleinen Sonderwünschen zu versorgen hatte, kam ich etwas zu spät, als das Defilee des Hauptganges einsetzen sollte. Schmittke fuhr mich an: “Jetzt trödel net so faul herum, setz’ dich gefälligst in Bewegung, du bist hier in der Arbeit, net beim Flanieren!” So was aus dem Munde eines Kerls, der wahrscheinlich gar nicht wußte, wie man das Wort Arbeit buchstabiert! Ich explodierte mit einer solchen Intensität, daß ich Schmittke und all die Anderen nur mehr verschwommen durch einen roten Schleier wahr nahm. Mit glühenden Augen und drohend erhobenem Zeigefinger fuhr ich auf ihn los: “Ruhe jetzt!!! Was erlauben Sie sich, so mit mir umzuspringen!!! Sie wollen Geschäftsführer sein??? Sie sind eine Null in einem Anzug!!! Sie sollten an Ihrem Benehmen und an Ihrem Umgang mit anderen Menschen arbeiten, anstatt pausenlos Frauen und Mädchen zu begrapschen!!!” Schlagartig herrschte atemlose Stille. Mirko, der zweite Geschäftsführer, dirigierte mich aus der Küche und trug mir auf, mich um das auf den Tischen eingesetzte Eiswasser zu kümmern…
… Einige Tage später bekam ich per Einschreiben die Kündigung zugestellt…
November 6, 2009 um 7:44 nachmittags
Es zeigt mal wieder leider zu genau, Schleimer und Kratzer haben die längeren Arme
Hast du aber gut gemacht. Solche Sachen hätte ich mir auch nicht bieten lassen…
November 6, 2009 um 8:43 nachmittags
Hast du gut gemacht! So einen hatten wir bei uns auch mal, ich musste ihn nur 3 Jahre ertragen und dann ging er in Rente^^ Ich war damals Azubi, da habe ich mich nicht getraut was zu sagen, wobei er mich weitgehenst in Ruhe gelassen hat, wenn man von anzüglichen Witzen mal absieht.
November 6, 2009 um 9:29 nachmittags
Boah, da kannste nur froh sein, nicht mehr da zu arbeiten.
November 6, 2009 um 11:07 nachmittags
@Worti: Das hat nach meinem furiosen Abgang gar net mal so lang gedauert, bis diese Filiale des Schweizer Gastronomiekonzerns “M…p…” ihre Pforten geschlossen hat.
Solche Sachen hab ich mir noch nie bieten lassen!
November 6, 2009 um 11:08 nachmittags
@Sany: “Nur” drei Jahre? Meine Liebe, da hast du aber erstaunliches Durchhaltevermögen bewiesen! Ich hab diesen Grapscher grade mal fünf Monate ertragen, bevor ich Tacheles redete!
Liebe Grüße, wünsche dir und deiner Family ein gutes und erholsames Wochenende!
November 6, 2009 um 11:09 nachmittags
@Niesi: Meine Liebe, das bin ich auch! Lieber keinen Job haben als so einen.
Herzliche Grüße, wünsche dir und deine Lieben ein schönes Wochenend!
November 7, 2009 um 7:05 vormittags
So etwas sollte man sich auch nicht bieten lassen!
Wer weiß, vielleicht war dein Abgang dort genau zur rechten Zeit. Manche Läden können einem auch den Lebenslauf versauen
Wenn andere feststellen, man hat da oder dort gearbeitet
November 7, 2009 um 11:01 vormittags
@Worti: Oh, das war damals schon eine feine und geachtete Adresse.
Aber der Abgang dort war für mich unter diesen Umständen zwingend notwendig gewesen.
November 7, 2009 um 11:42 vormittags
Respekt! Ich finde, da hast Du wirklich Mut unbd Rückrad bewiesen.
Es ist doch immer wieder einfach widerlich, wie man mit Frauen umgeht.
Ich selber habe sowas im Labor nie erlebt… bin sehr froh darüber.
Ich DANKE Dir, das Du mitgemacht hast.
LG & eine gutes WE, Petra
November 7, 2009 um 11:49 vormittags
@Follygirl: Ja, mit diesen den Frauen zugedachten Rollen – geistlose Geschöpfe zweiten Ranges und Freiwild für jedermann – habe ich mich nie abfinden können. Das hat in meinem Leben nicht nur für einen, sondern eine ganz erkleckliche Zahl an Ausbrüchen heftigsten Protests gesorgt.
Gerne, meine Liebe. Ich möchte in loser Folge gerne noch weiter unter diesem Schlagwort posten, wenn es dir Recht ist.
Liebe Grüße, wünsche dir auch ein schönes und erholsames Wochenend!
November 7, 2009 um 2:38 nachmittags
Oh, das würde mich wirklich sehr freuen…
Bis bald also, Petra
November 7, 2009 um 3:57 nachmittags
@Follygirl: Die unmittelbar bevorstehende Florida-Reise mit meinem guten Freund Timo bietet mit Sicherheit Stoff für eine Handvoll “Aktion-Mut”-Geschichten.
November 7, 2009 um 4:22 nachmittags
Ich habs gelesen..geht ja bald los..wünsche ganz viele Abenteuer da drüben…und natürlich viel Spaß…
Komm gut wieder heim!. LG, petra
November 7, 2009 um 4:36 nachmittags
@Follygirl: Danke dir!
Werde mein “Kleines Schwarzes” mitnehmen und euch auf dem Laufenden halten.
November 9, 2009 um 3:15 nachmittags
toll, super gemacht.
erinnert mich an meine anstellug bei der diakonie. *g*
christlich im stempel aber ein sauhaufen im umgang mit seinen mitarbeitern.
lieben gruß zum wochenstart
spini
November 11, 2009 um 3:54 vormittags
@Spini: Willkommen auf meinem Blog!
Oh, das habe ich schon sehr oft gehört und gelesen, daß grade die sogenannten christlichen Institutionen sehr gerne im sozialen, zwischenmenschlichen Bereich “die Sau rauslassen”.
Liebe Grüße aus Florida!
November 10, 2009 um 9:43 vormittags
Alle Achtung! Toll, daß Du Dich das getraut hast!!
Heute würd ich mich bestimmt auch mehr trauen, aber was ich mir in der Gastronomie schon von (Küchen-)Chefs und Gästen bieten ließ… das regt mich heute noch auf, daß ich das einfach so “geschluckt” habe…
Umso toller finde ich es, daß Du Dich gewehrt hast… Klasse!
November 11, 2009 um 3:51 vormittags
@Jeanie: Willkommen auf meinem Blog!

Es würde mich wahrscheinlich ewiglich reuen, wenn ich damals nicht so reagiert hätte.
Eine gehobene Position ist niemals und für Niemanden ein Freibrief, sondern sollte ganz im Gegenteil dazu anspornen, Ehrgefühl, Integrität und Charakter zu pflegen. Leider wird ein Geschäftsführer- oder Restaurantleiterposten sehr oft als Freibrief für Unverschämtheiten aller Art verstanden.
Liebe Grüße aus Florida!