Projekt ABC – 7. Woche – Teil 3

Buchstabe G – wie Geduldspiel…

… ein solches ist seit über einem Monat die geplante Reise nach Florida, um mir in diesem Jahr einen dritten lang gehegten Wunschtraum zu erfüllen, nämlich einmal den Start eines Spaceshuttles live anzusehen. Wie ihr wisst, hat mein guter Freund Timo, den ich in die Reiseplanung einbezogen hatte, weil er seit langem schon einmal über den Großen Teich fliegen möchte, kurzerhand eine mir völlig unbekannte Arbeitskollegin mit “ins Boot geholt”. Und zwar, nachdem ich auf sein Drängen hin via Internet unsere Flüge, Hotelzimmer für die ersten vier Nächte in Orlando und den Mietwagen fix gebucht hatte. Ich war stinksauer. Nachdem ich meiner Mißstimmung kräftig Ausdruck verliehen hatte, einigten wir uns darauf, meinem Rat folgend, einen zweiten Wagen anzumieten, und in Florida getrennter Wege zu gehen. Bei einem gemeinsamen Abendessen gut eine Woche später beschnupperten Sandra und ich uns zum ersten Mal und stellten recht erleichtert fest, daß wir uns sympathisch waren. Timo fiel aus allen Wolken: “Ihr habt euch vorher wirklich noch nicht gekannt?” Sandra bekräftigte: “Nein, die Martha und ich sind uns heute zum ersten Mal begegnet”. Timo sah mich mit großen Augen an. “Dann habe ich dich mit meiner Einladung an Sandra tatsächlich völlig überfahren. Das tut mir so leid, entschuldige bitte!” Versöhnlich gestimmt ließ ich mich dazu überreden, das Zimmer für Sandra und den zusätzlichen Wagen per Internet zu buchen. Das war vor ungefähr zehn Tagen…

… Sonntag Mittag traf ich mich mit Timo. Kurz nach der Begrüßung platzte er heraus: “Die Sandra fliegt jetzt doch nicht mit, wir gehen zu Zweit auf die Reise.” – “Wieso das jetzt?” – “Man hat einen ganz schlimmen Magen-Darm-Virus bei ihr festgestellt und da hat sie nun Angst, daß sie bis zum Abflug nicht gesund wird.” – “Ja, aber bis dahin haben wir allesamt noch hundertfünfunddreißig Tage Zeit.” – “Nein, nein, die Sandra ist sicher, daß sie unter diesen Umständen nicht nach Florida möchte. Du kannst also ihr Zimmer und den zweiten Wagen wieder stornieren.”…

… Zum Glück hatte ich wegen meines Kurzbesuches in Berchtesgaden, den ungemein fesselnden und faszinierenden Eindrücken und Geschichten über die Villa Marienfels, dem Auswählen der vielen Fotos, dem Verfassen der beiden Posts über das Pintsch’e Anwesen und meiner Arbeit gar nicht mehr daran gedacht, die beiden Buchungen rückgängig zu machen. Denn heute Abend krähte Timo ins Telefon: “Du, die Sandra hat mir grade gesagt, wenn sie zwei Monate vor der Reise für gesund erklärt wird, dann will sie doch in jedem Fall mitkommen!”…

*Grmpff!*

… Anschließend drehte sich unser Gespräch – wie bereits unendliche Male im Verlaufe der vergangenen gut vier Wochen – um die Urlaubsfinanzen. Timo: “Was glaubst du, wann ich Euro in Dollar umtauschen soll? Soll ich das jetzt schon machen? Ist der Kurs jetzt günstig?” Kleine Bemerkung am Rande: Wir fliegen am neunten November, also in hundertzweiunddreißig Tagen! “Timo, wenn ich wüßte, wie sich der Euro/Dollar-Kurs entwickelt, würde ich nicht als Bedienung arbeiten, sondern wäre eine Top-Wahrsagerin mit einer schicken Villa, einem Riesenschlitten von Auto und mindestens einer Putzfrau.” – “Hast ja recht. – Aber wie mache ich das dann drüben mit dem Bezahlen?” Geduldig erklärte ich ihm zum ungezählten Male: “Amerika ist das Land der Kreditkarten. Damit kannste sogar ein T-Shirt für zwei Dollar fünfzig bezahlen.” – “Aber ich muß doch auch Bargeld mitnehmen!” – “Timo, ich war schon etliche Male übern Großen Teich, ich habe nie mehr als maximal hundert Dollar für die ersten Ausgaben mitgenommen. Tausch doch Traveller-Cheques ein, mit denen kannst du fast überall wie mit Banknoten bezahlen, du brauchst keine Zinsen darauf zu entrichten, und wenn du sie verlierst oder sie dir geklaut werden, bekommst du sie anstandslos innerhalb von vierundzwanzig Stunden ersetzt.” – “Aha. Was glaubst du, wann ich diese Reiseschecks bestellen soll?” – “Timo,” Herr, bitte, bitte lass Geduld kübelweise auf mich herab regnen! “ich weiß nicht, wie sich der Euro/Dollar-Kurs entwickelt.” – “Hm. Und du meinst, ich soll nicht vielleicht doch fünfhundert Dollar an Bargeld mitnehmen?” – “Nein, Timo, nein. Ich halte das für keine gute Idee. Besorg dir doch die Reiseschecks. Und wenn nötig, kannst du drüben mit deiner EC-Karte immer noch Bares an jedem Bankomaten holen. Und du kannst dir später die Zinsen sparen, wenn du im Laufe der nächsten Monate ein Guthaben auf deinem Kreditkartenkonto einrichtest.” – “Ich muß aber keine Steuern für meine Amex bezahlen.” – “Das ist mir schon klar. Ich meine ja auch die Zinsen.” – “Häh? Zinsen? Wenn ich mit meiner Kreditkarte bezahle, wird mir das regelmässig jeden Fünfzehnten abgebucht.” – “Und bis dahin hast du einen Kredit in Anspruch genommen – deswegen heißt es ja auch Kreditkarte – und mußt Zinsen dafür berappen.” Schweigen. Wiederum bat ich innerlich um Langmut und Geduld. Timo: “Ja, dann werd’ ich morgen mal bei American Express anrufen, ob ich das mit dem Einzahlen machen kann.” – “Timo, das steht doch auf jeder Monatsrechnung drauf, da kannste dir das teure Geld für die Hotline sparen.” Erneut Schweigen. Ich konnte durchs Telefon förmlich wahrnehmen, wie sich die Rädchen in Timo’s Köpfchen drehten. Dann: “Die Sandra hat bei ihrem letzten Florida-Urlaub fünfhundert Dollar Bargeld mitgenommen. Ich mach’ das auch so. Ich nehm’ auch fünfhundert Dollar Bargeld mit.”…

… Timo, mach, was du willst. Räum meinetwegen dein Konto leer und nimm einen ganzen Koffer vollgestopft mit Dollarscheinchen mit nach Florida! Aber vergiß nicht, vorher noch in einem Tattoo-Studio vorbei zu schauen. Damit du dir noch zusätzlich quer über die Stirn eintätowieren lassen kannst: “Ich bin ein … Tourist aus Deutschland!”…

 

23 Antworten zu “Projekt ABC – 7. Woche – Teil 3”

  1. Ja, ich bin manchmal alles andere als entscheidungsfreudig. Aber bei Timo wird es mir schon beim Mitlesen kribbelig…

    • @theomix: Ich gestehe jetzt ganz freimütig, daß ich im Verlaufe der letzten Wochen schon etlichemale mit dem verführerischen Gedanken gespielt habe, die ganze Chose hinzuschmeißen und dann geruhsam und friedlich alleine entweder im Februar oder April nächsten Jahres nach Florida zu fliegen. Auf all meinen Reisen, die ich bislang ohne Begleitung unternommen habe – und das waren viele! – habe ich noch nie, nie, nie bereits im Vorfeld einen solch zermürbenden Nervenkrieg durchleben müssen!

  2. “Was Sie schon immer tun sollten, um in Amerika in den Genuß eines Überfalls zu kommen” <- klingt nach einem Bestseller ;-)

    irgendwo habe ich gelesen, dass selbst die Mietwagen als solches ncht mehr erkennbar sein sollen, und sich dadurch die Überfallquote verringert hat … dennoch, ich habe bei dem Gedanken drüben am Flughafen aus der Tür zu gehen ein mulmiges Gefühl …

    • @Renee: *Hihi* Das mit dem Bestseller liest sich gut. ;-)
      Mietwagen sind in den USA seit langem schon nicht mehr als solche erkennbar. Wenn man sich – wie man das in jedem fremden Lande beherzigen sollte! – den dortigen Gepflogenheiten anpasst und sich so unauffällig als möglich verhält, gibt’s nicht die geringsten Schwierigkeiten. Ich war zweimal alleine in New York unterwegs, zweimal ebenfalls alleine kreuz und quer durch Florida und einmal – auch solo – über drei Wochen auf Hawai’i. Ich kann mich an keine bedrohliche Situation oder schlechte Erfahrung erinnern.

  3. Hihi … tja, die Sandras aber auch immer! :-)

    Da bin ich ja gespannt, wie das letztendlich aus geht.

    Liebe Grüße und ich wünsche dir einen schönen Tag!! :-)

    • @paradalis: Wenn der liebe Timo noch eine Weile solche Wellen schlägt und herum zickt, lasse ich mein Flugticket, mein Zimmer und den Mietwagen auf Februar umbuchen und fliege dann alleine. Die beiden Anderen können meinethalben bleiben wo der Pfeffer wächst! Nachdem ich letzte Nacht sogar Alpträume wegen dieser Reise und Timo’s Generve hatte, bin ich nun fest dazu entschlossen.
      Liebe Grüße, wünsche dir einen schönen Abend! :-)

  4. zum Lesen ist es ja köstlich, aber es braucht sicher einiges an Nerven…

    Ich hab auch mal Urlaub mit einer Kusine aus Amerika gemacht, die hat sich nach der Buchung auch als sehr, sehr nervig rausgestellt. Zum Glück nur vor der Reise, durch den ganzen Nerv davor konnte ich mich gut drauf einstellen und wir hatten einen prima Urlaub.

    Ich hoffe mal, dass es Euch ähnlich gehen wird.

    • @sachensucherin: Oh, ich hoffe auch, daß sich Timo’s Generve irgendwann noch vor der Reise legt! Aber ob ich bis dahin die nötige Geduld aufbringe – es sind immerhin noch über vier Monate! – ist mittlerweile fraglich. Ich habe kein gutes Gefühl mehr, wenn ich an diesen Florida-Trip denke.

  5. Du hast echt Geduld :)
    Ich hätte jetzt scho kapituliert und wäre alleine geflogen :)

    Wie kann man denn so nervös sein und sich so verrückt machen? Weiß doch jedes Kind, dass Traveller-Schecks immer noch die sicherste Methode ist. Und die USA sind das Land der unbegrenzten Kreditkarten *lach*

    • @Worti: Der macht nicht sich verrückt, sondern allmählich mich! Vor allem dreht sich das Ganze seit über einem Monat immer, und immer wieder im Kreis! Gestern waren wieder einmal die Finanzen dran. Ich wette mit dir um einen Träger deines Lieblingsbieres, daß er mich spätestens Sonntag Abend zum hundertsten Male mit der Frage nervt, wann die Tickets für den Shuttle-Start erhältlich sind, obwohl ich ihm schon mindestens fünfzig Mal erklärt habe, daß diese ca. vier Wochen (!!!) vor dem Launch frei gegeben werden. Das übernächste wird dann – auch zum x-ten Male die Routenplanung sein. Und dann geht das Karussellchen wieder von vorne los – mit der Frage nach den Urlaubsfinanzen…

  6. Deine Geduld ist bewundernswert. Ich kann schon beim Lesen nicht mehr.

  7. Schreib die Erklärungen auf, kopier den Zettel 50 mal und schick ihn den fetten Umschlag :)

  8. @Worti: Wahrscheinlich treffen wir uns am Sonntag abend wieder einmal in der “Ennsthaler Stuben”. Und wenn er dann erneut mit seinen entnervenden Dauerfragen anfängt, werde ich ihm ganz einfach die Pistole auf die Brust setzen: Entweder er lässt mich jetzt mit seinem Getue in Ruh oder aber ich lasse die Reise platzen. Ich werde ihm auch klar machen, daß es mir mittlerweile völligst egal ist, ob er eine Schubkarre Kieselsteine, einen Sack Hosenknöpfe oder einen Geldkoffer mit nach Amerika nimmt.

  9. Genau. Lass es platzen. Vielleicht bleibt er dann ruhig ;)

  10. *kringel*
    Auweija … ich wäre schon ausgeflippt….

  11. Oje, das wär nix für mich. Ich bin zwar geduldig und kann spontan neue Ideen entwickeln, doch dieses Hickhack….ich weiss nicht? Ich hoffe, dass sich alles zum Guten wendet, liebe Grüsse kalle

    • @kalle: Ich kenn’ den Knaben seit langen Jahren, der braucht nächstens ganz dringend einen kräftigen Warnschuß vor den Bug, sonst geht dieses Spielchen tatsächlich die nächsten vier Monate so weiter. Meine Reisevorfreude hält sich zur Zeit absolut in Grenzen. :-(
      Liebe Grüße zurück, wünsche ein schönes und erholsames Wochenende!

  12. Meine Liebe..deine Geduld ist echt bewundernswert.

    ich hätte an deiner Stelle inzwischen umgebucht.
    So eine Reise sollte nur mit Vorfreude gefüllt sein und
    nicht mit nem Nervenkrieg..

    Es tut mir so leid für Dich..

    Erfahrungsgemäss gehe ich nunmehr auch fast immer
    alleine auf Reisen..da kann mir keiner die Reise vermasseln..

    Ganz liebe Grüsse,Elke

    • @Elke: Timo und ich waren Sonntag Abend aus zum Essen, da war die Stimmung recht gelöst und normal und auch stressfrei. Es hat halt jetzt wieder einmal geheißen, daß die Sandra doch nicht mitfliegt. Aber diese Ankündigung habe ich geflissentlich überhört. Ich habe mir mittlerweile aber in Gedanken schon zurecht gelegt, was ich sage, wenn dieses Generve wieder einmal anfangen sollte.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 56 other followers