Die Geistesschule (2)
… Obwohl ich mir Informationsbroschüren von dieser Geistesschule mit nahm, war ich nach diesem Abend gelinde gesagt enttäuscht. Meinen Vorstellungen einer Freimaurervereinigung entsprach das, was ich gehört und gesehen hatte, in keinster Weise. Zudem ging es in meiner Seele eine geraume Weile danach mehr als drunter und drüber. Jenes Ereignis - ich finde kein geeignetes Wort dafür, von Aha-Erlebnis (zu banal) bis Erleuchtung (zu heiligmäßig), nichts kann die erstmalige Wahrnehmung dieses Ewigen Lichtes beschreiben – setzte einen inneren Wandel in Gange, der mir bisweilen während stiller, schlafloser Nachtstunden Angst einjagte. Ich bat flehentlich darum, diesen Prozeß doch wieder rückgängig zu machen – allein, es half nichts. In der Rückschau denke ich, daß ich seinerzeit ganz einfach reif für dieses innerste Türeöffnen gewesen bin, vielleicht hat ein unbeabsichtigt ausgesprochenes Wort, eine Bemerkung als Schlüssel fungiert, wahrscheinlich hätte es sich auch ohne den Katalysator des L… R… vollzogen.
Die Zeit streifte durch das Land und ich fühlte mich nun doch mehr und mehr von jener Geistesschule angezogen. Es war, als existiere zwischen diesen Menschen und mir eine Art mystische Verbundenheit, als vernähme ich einen lockenden Ruf, ein unüberhörbares Signal. So verfaßte ich einen Brief an die sogenannte Zentrumsleitung, in welchem ich ausführlich beschrieb, was mir Großartiges widerfahren war, und zudem darum ersuchte, in den erlauchten Kreis Geistesschüler aufgenommen zu werden. Wochen vergingen ohne die geringste Reaktion. Dann endlich, als ich schon gar nicht mehr damit rechnete, klingelte das Telefon. Am anderen Ende hörte ich eine sehr kultiviert klingende Frauenstimme mit entzückendem Schweizer Akzent, die sich unendlich dafür entschuldigte, mir nicht unverzüglich geantwortet zu haben, aber sie sei leider durch schwere Krankheit verhindert gewesen. Es fiel mir frühers oft sehr schwer, privat unbefangen auf Andere zuzugehen, konnte mich mit jener Dame aber so glänzend unterhalten, als seien wir seit langem einander vertraut. Ich wertete dies als Zeichen, nur kurz darauf fand in den Räumen des L… R… der erste Abend eines zwölfteiligen Einführungskurses in die Lehre der Schule statt, und ich war dabei.
Die Lehre dieser Vereinigung, die sich als christliche Mysterienschule versteht, verbindet gnostisches, theosophisches, anthroposophisches und traditionell christliches Gedankengut. In diesen großen Topf werden – wenn’s paßt – auch schon mal hinduistische, taoistische, buddhistische und muslimische Zutaten hinzu gemengt. Nun ja, warum auch nicht, dies störte mich in keinster Weise, denn im Grunde genommen haben doch alle Religionen einen gemeinsamen Urgrund. Was mir absolut einleuchtete, war eine bis dato für mich völlig neue Sicht auf Jesus und die Neuen Testamente. Diese seien nicht wortwörtlich zu interpretieren, wie unsere christliche Hauptkirche das bis zum heutigen Tage vertritt. Nein, es wäre ursprünglich eine Allegorie gewesen, die verschlüsselte Beschreibung eines Initiationsprozesses einer Seele, welcher die Erleuchtung, Erkenntnis widerfährt (Johannes der Täufer), von der anfänglichen Bewußtwerdung bis zur vollendeten Meisterschaft (Kreuzigung und Auferstehung). Jede Person in diesen Mythologien verkörpere eine der unzähligen Facetten des menschlichen Wesens. – Diese Überzeugung vertrete ich auch heute noch.
Eines der heraus ragenden Hauptthemen der sich über drei Monate hinziehenden Einführung war die Zweiteilung der Welt in eine gute, göttliche (statische) und eine schlechte, irdische, vor allem polare (dialektische), in der die Menschen leben und das Allein-Gute nicht existieren kann, weil es stets den Gegenpol, das Böse, mit sich trägt. Der Mensch ist aber nicht durch und durch der dialektischen Welt angehörig, in sich trägt er einen Funken des göttlichen Lebensprinzips – Geistfunkenatom, Uratom, Rose des Herzens… Jeder Mensch sollte nun danach streben, jenen göttlichen Teil zu befreien, von der irdischen Ordnung in die göttliche zu wechseln. Dazu sei aber eine fundamentale Umkehr, sprich, Wiedergeburt notwendig. Diese Transfiguration wird durch das „Endura“, die Selbstübergabe an die göttliche Welt, erreicht. Das Ich muß aufgegeben und ein Übergehen in das göttliche Selbst angestrebt werden. Damit werde dann der Kreislauf Tod – Leben überwunden. Sehr befremdlich fand ich in jenem Zusammenhang die Erläuterung, der Mensch sei ein kugelförmiges, etliche Meter durchmessendes Gebilde, bestehend aus nicht wahrnehmbaren Energiefeldern, wie eine Zwiebel aus insgesamt sieben Schichten bestehend, der Wesenskern – Gottesfunke – sei umschlossen vom zweiten Kern, dem Körper. Ich tröstete mich aber über mein Unverständnis damit hinweg, daß dies ganz bestimmt auch als Metapher gemeint sei.
Wer sich nicht der Geistesschule anschliesse und demzufolge erleuchtet und erlöst werde, würde nach seinem Tode die sogenannte Zwischensphäre aufsuchen, das, was man so gemeinhin als Jenseits bezeichne. Dort gäbe es Wesenheiten, die sich dem Schicksal fügten und nach Ablauf einer gewissen Frist ein weiteres Mal als Mensch ihr Dasein fristen müßten. Es gäbe auch solche, die ihren Tod und das Hinwegnehmen der erdgebundenen Persönlichkeit nicht akzeptieren könnten und daher auf die Lebenden Einfluß nehmen würden, das würde dann Wunderheilungen und die Vielfalt esoterischer Erscheinungen hervor rufen. Daher sei von allem Esoterischen wie z. B. Astrologie, Channeling, Ufologie und dergleichen Abstand zu nehmen! – Da ich sowieso ein in dieser Hinsicht recht kritischer Zeitgeist bin, war ich damit sehr einverstanden. – Und mußte zu meinem großen Erstaunen im Laufe der folgenden zweieinhalb Jahre feststellen, daß ich mich einer ungemein geballten Versammlung Aber- und Wunder- und Horoskop- und Esoterikgläubiger, Anhänger jeglichen Hokuspokus zugesellt hatte. – Ich bin trotz meiner vielleicht allzu pragmatischen Sicht der Dinge jedoch felsenfest davon überzeugt, daß unsere Sinne mehr als begrenzt sind und wir damit nur einen Bruchteil dessen wahrnehmen, auch messen können, was sich auf dieser Welt mitsamt Universum tatsächlich abspielt.
Was mich sehr störte, war die Inanspruchnahme der Ausschließlichkeit. „Wer nicht Teil der Geistesschule, ihrer Mysterien und Lehren wird, dem bleibt die Erlösung vom ewigen Rade aus Leben – Tod – Leben versagt.“ – „Ich habe einen guten Freund, er kümmert sich seit mehr als dreißig Jahren aufopfernd um seine seelisch kranke Frau. Wer so sehr seine eigenen Bedürfnisse hintanstellt und dermaßen loyal und fürsorglich ist, dem ist doch bestimmt auch die Erlösung sicher, nicht wahr?“, warf ich während einer kurzen Diskussion ein. Und erhielt zur Antwort: „Ja, sofern er ein Schüler des L… R… wird, in jedem Fall. Aber nur dann ist es ihm in diesem Leben vergönnt.“ – Aber ich war zu diesem Zeitpunkt schon dermassen von einer unterschwelligen Anziehung gefesselt, daß ich diese – nüchtern betrachtet ungemein arrogante - Aussage ohne jegliches Hinterfragen hinnahm.
Das Ende des Einführungskurses nahte und wir (eine kleine Handvoll Interessierter, die durchgehalten hatten) wurden vor die Wahl gestellt: Die zwölf Abende völlig unverbindlich noch einmal zu wiederholen, sich als sogenanntes Vorhof-Mitglied auch ohne jegliche Verpflichtung zu einem geringen Monatsbeitrag registrieren zu lassen (dann blieben einem jedoch die sogenannten Zentrums-Tempeldienste sowie etliche Veranstaltungen verwehrt) oder aber sich zu einer dreimonatigen Probezeit zu verpflichten, nach deren Ablauf man als Vorbereitender Schüler aufgenommen werden würde. Und dazu entschloß ich mich ohne groß zu zaudern – wenn man die zwei mit viel Nachdenken und Grübeln verbrachten Tage und Nächte vorher nicht dazu zählt…
Fortsetzung folgt
Dezember 5, 2008 um 2:54 pm
Was mich sehr störte, war die Inanspruchnahme der Ausschließlichkeit. “Wer nicht Teil der Geistesschule, ihrer Mysterien und Lehren wird, dem bleibt die Erlösung vom ewigen Rade aus Leben – Tod – Leben versagt.
Das sind Dinge, die gehören keinesfalls in eine echte Loge. Das ist Kapitaldenken, wie früher mit den Ablassbriefen.
Da die L.R. nichts mehr mit den Gründungsprinzipien der Originalloge zu tun hat, sich neu „formiert“ hat, bin ich auf deine weiteren Erkenntnisse, Erlebnisse gespannt.
Was kostete denn die Mitgliedschaft?
Vor Jahren wollte ich selbst mal einen Zirkel gründen. Eine Grundform, aus der sich eine Loge entwickeln kann. Aber irgendwie bin ich/sind wir nie über die Planung hinweg gekommen…
Dezember 5, 2008 um 3:26 pm
Der Monatsbeitrag für Vorhof-Mitglieder beträgt 8 Euro, für Schüler aller Grade 16 Euro. Für die sogenannten Erneuerungs-Konferenzen, die sich zweimal monatlich über ein Wochenende erstrecken, zahlt man 40 Euro. – Dieser Ausschließlichkeitsanspruch hat mir seinerzeit schwer zu schaffen gemacht. Aber ich will nicht vorgreifen. Morgen gibt’s mehr davon. Nun muß ich mich langsam aufhübschen, wir haben heute einen sogenannten „Kerzerlabend“ (weihnachtliche Stub’nmusi bei Kerzenschein bzw. Bavarian-X-mas-Candlelight-Event).
Dezember 5, 2008 um 3:57 pm
„Bavarian-X-mas-Candlelight-Event“ *lach* Wurdest also schon von Dr. Christus assimiliert
*oha* da kommt aber ziemlich viel Geld zusammen
Freu mich schon auf deine weiteren Ausführungen. Diese Thematik und das ganze Umzu interessiert mich ja.
Aufhübschen? Klingt nach „uihuih*
Lass ein Foto machen *lach*
Dezember 5, 2008 um 3:57 pm
Hast dich schon mal durch meine Esotherik-Rubriken gekämpft?
Dezember 6, 2008 um 1:05 am
Hm, nein, wenn ich ehrlich bin, steht mir dieser „Kampf“ noch bevor. – Ich hab gar nicht daran gedacht, mich heut abend fotografieren zu lassen, seitdem bei mir ein Ansatz zum Doppelkinn zu erkennen ist, mag ich das Geknipstwerden gar nicht mehr. Mein Avatar-Bildchen ist ungefähr zehn Jahre alt, da war ich noch rank und schlank!
Dezember 6, 2008 um 6:41 am
dann viel spass beim kämpfen
das mit dem bild war nur ein gag
nicht, dass du denkst, du müsstest da was machen
Februar 9, 2009 um 10:32 pm
Sorry, hab vorhin nicht gesehen, dass Du bereits das ganze Programm hinter Dir hast. Hab nur Teil 1 entdeckt. Missverständnis.
Gruss Ichiko