Die Geistesschule (1)

Seit jeher haben mich Spiritualität, Mystik und Mythologien interessiert. Allerdings wußte ich mit der vorherrschenden christlichen Konfession, deren – unfreiwilliges – Mitglied ich Dank Taufe, Heiliger Erstkommunion und Firmung war, an sich recht wenig anzufangen, wenn man von einer kurzen religiösen Ergriffenheit absieht, die mich im Alter von ungefähr Zwölf einem Fieberschauer gleich beutelte. Obwohl mit einer beträchtlichen Fantasie gesegnet fiel es mir als Kind schon schwer, die in der Bibel geschilderten Wunder oder die Unbefleckte Empfängnis nach zu vollziehen. Oder aber auch diesen omnipräsenten Beobachter namens Gott, im Himmel thronend und jeden Fehltritt, jede sogenannte Sünde eines jeden kleinen Menschleins zur Kenntnis nehmend und maßregelnd.

Als ich so gut Mitte Zwanzig war, erschien der Bestseller „Der Heilige Gral und seine Erben“. Ich verschlang dieses Werk schier in einem Atemzug. Die Autoren Lincoln, Baigent und Leigh waren meines Wissens so ziemlich die Ersten, die öffentlich, von einer unzähligen Leserschar beachtet, respektlos an die Fundamente der Katholischen Kirche klopften und die vordiktierte Auslegung der Neuen Testamente anzweifelten. Ganz besonders fesselten mich die im Buche vielfach erwähnten Freimaurer. Allein der Name, der Zusammenhang mit geheimem Wissen und verborgenen Ritualen machten mich wohlig schaudern – und neugierig…

… Viele Jahre später arbeitete ich in einer kleinen Wirtschaft nahe des Nymphenburger Schlosses. Mein täglicher Weg zur und von der Arbeit führte von der Trambahn-Haltestelle eine viel befahrene Hauptstraße entlang und vor Querung des Schloßkanals unter einer Leuchttafel durch, ein wenig wie ein Firmenschild wirkend, welche mich stets stutzen machte. Es war ein goldfarbenes Zeichen: Ein Dreieck ruht in einem Quadrat, umschlossen von einem Kreis. „Das ist ein Freimaurer-Symbol!“, teilte ich voll der überschäumenden Begeisterung, die mir zu Eigen ist, einem guten Freunde und Arbeitskollegen mit, „das will ich Kontakt aufnehmen! Da möcht’ ich wissen, was bei denen dahinter steckt!“ Ich hatte kurz zuvor Luigi Ranieri’s Dokumentation „Die Loge“ gelesen, in welcher dem Anschein nach sehr offen und auch detailliert über die Entstehung, die Rituale und die Mythologie der Freimaurer berichtet wird. Doch irgend etwas hemmte stets meinen Tatendrang…

… Ich unterzog mich seinerzeit seit etwa einem halben Jahr einer Psychotherapie, um die durch einen Mißbrauch in meinen frühen Jugendtagen hervor gerufenen Komplexe und Neurosen heilen zu lassen. So bat ich während einer Gesprächsstunde meine Therapeutin, zu der ich vollstes Vertrauen hatte – immer noch habe – um Rat. „Es ist das Symbol einer sogenannten Geistesschule. Ich möchte mir das so gerne einmal ansehen.“ – „Dann tun Sie das. Vielleicht hilft Ihnen der Kontakt mit den Menschen dort. Es ist wichtig für Sie, daß Sie lernen, von sich aus unbefangen auf Andere zuzugehen.“ Unweit des Leuchtschildes befand sich seitlich am Gebäude eine schmiedeeiserne Pforte, welche in der Regel verschlossen war, und daneben ein Schaukasten, in welchem die öffentlichen Aktivitäten dieser Geistesschule Monat für Monat bekannt gegeben wurden. „Offener Gesprächsabend am…“ Am kommenden Dienstag. Da hatte ich frei. Die Gelegenheit passte. Allerdings mußte vorher noch etwas geklärt werden. In „Die Loge“ war ausgeführt, daß immer noch, auch im einundzwanzigsten Jahrhundert, nicht alle Freimaurerischen Vereinigungen Frauen in ihren Reihen dulden. Ich notierte mir die auf dem angeschlagenen Zettel angegebene Telefonnummer und rief noch am selben Abend an, „sprach“ aber immer und immer wieder nur mit einem Anrufbeantworter.

Es war der bewußte Dienstag. Ich fasste mir ein Herz, hol’s der Fuchs, wenn keine Frauen erwünscht sind, dann werden sie mich halt wieder weg schicken!, und betrat pünktlichst zur angegebenen Uhrzeit die weitläufigen Räume des L… R… Nur Wenige schienen sich dort aufzuhalten. Unweit der Eingangstür wurde ich von einem noch recht jungen, bärtigen Mann und einer kleinen, zierlichen Dame mittleren Alters ausgesprochen freundlich begrüßt. Was mir an den Beiden auf der Stelle auffiel, waren ihre wunderschönen, sehr sanft, sehr milde blickenden, leuchtenden Augen. Es schien, als würde ein inneres Licht aus ihnen strahlen.

An diesem offenen Gesprächsabend nahmen – zu meiner gelinden Enttäuschung – nur etwa ein knappes Dutzend Interessenten teil, allein beinahe die Hälfte davon entpuppten sich im Laufe der eineinhalbstündigen Diskussion als Angehörige der Geistesschule. Das Hauptthema war unser Verständnis, unsere Vorstellungen von Gott. Ich beobachtete und lauschte, ohne mich groß an den Unterhaltungen zu beteiligen. Dann fühlte ich mit absoluter Gewissheit, wie sich in meinem Innersten ein unglaublicher Wandel vollzog. Was sich da in meiner Seele abspielte, kann ich mit Worten nicht wirklich beschreiben. Es ähnelte grob gesagt dem Öffnen einer Tür, dem Wahrnehmen eines unglaublich schönen Lichtes und dem Gewahrwerden einer unumstößlichen Tatsache: Gott IST. Ich durfte den Bruchteil einer allumfassenden Wahrheit erkennen (zu mehr sind wir Menschlein auch gar nicht fähig). Diese Tür ist bis zum heutigen Tage geöffnet, sie wird sich nie wieder schließen, dieses Licht und diese Wahrheit sind immerdar…

Fortsetzung morgen.

 

http://freidenkerin.com/

6 Antworten zu “Die Geistesschule (1)”

  1. Liebe freidenkerin, zu diesem Artikel passt dein Nick ja ausgezeichnet ;)

    Viele Freimaurerlogen machen heute Öffentlichkeitsarbeit. Hier in Bremen gibt es z.B. die Loge „Friedrich Wilhelm zur Eintracht“, die St. Johannis-Freimaurer Loge „Anker der Eintracht“ oder die Loge „Lessing an der Delme“.
    Wobei ich allerdings sagen muss, es müssten alles Handwerkslogen sein.

    Deine kleine Einführung finde ich sehr interessant und freue mich schon, wie es weiter ging. Solche Seminare sind interessant aber ich denke, diese Loge arbeitet ebenso nach dem Einladungsprinzip: Es kann nur Mitglied werden, der durch ein bestehendes Mitglied für „gut“ befunden und persönlich eingeladen wurde. Oder wie lief es hier?

  2. Mich würde jetzt mal der Name interessieren. Ich denke, die Loge ist im VGLvD bzw. vielleicht im Österreichischen gelistet, oder?

  3. Danke dir ;) Weißt schon wofür :)

  4. freidenkerin Sagt:

    Hast du mit diesem „Verein“ auch schon zu tun gehabt?

  5. Hallo

    Lies mal hier http://ichiko2.wordpress.com/page/2/ – der Titel heisst „niemand weiss wirklich was“.

    Alles Liebe

    Ichiko

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