… wenn die Augen schon so müde sind, daß beim Lesen meines aktuellen dicken „Einschlaf-Wälzers“ die Buchstaben verschwimmen und zu tanzen beginnen, der heiße Kopf sich schwer ins Kissen wühlt, eine mollig warme, seidig weiche Miezekatze sich an meine Seite kuschelt, öffnen sich die düsteren Verließe der Seele und einem Heer an Plagegeistern gleich entsteigen ihnen Sorgen, Ängste und Nöte…
… Mit schauerlich verzerrter Dämonenfratze grinst mir die Ungewißheit meiner beruflichen Zukunft über den hochgetürmten Rand der Bettdecke hinweg zu… Ich gehe davon aus, daß ich in meinem Beruf – Restaurantfachfrau – keine feste und faire Anstellung mehr finden werde. Mit Dreiundfünfzig ist man in diesem Job bereits sehr weit jenseits von Gut und Böse. Das ist ein Fakt, keine pessimistische Spekulation. Heutzutage bevorzugt man nicht nur in diesem Gewerbe fünfundzwanzigjährige Arbeitnehmer/innen mit zwanzigjähriger Berufserfahrung, dem Aussehen und der Gestalt eines Supermodels, mindestens fünf Fremdsprachen beherrschend, mit der eisernen Konstitution eines Topathleten und rund um die Uhr arbeitend, möglichst ohne Geld dafür zu verlangen… Was wird mich in Bezug auf diese berufliche Situation in Bälde von der Agentur für Arbeit erwarten? Werde ich als IHK-geprüfte Restaurantmeisterin mit Ausbildereignungsprüfung und über dreißigjähriger Berufserfahrung wieder diese herrlichen Stellenvorschläge a la Fischbrötchenverkäuferin bei der „N*ord*see“ zugestellt bekommen? Oder mich als Aushilfsbedienung in der windschiefen Wellblechhütte eines abgehalfterten Tennisvereins im Norden München bewerben müssen? Wird man wieder von mir verlangen, in einem pseudobayerischen Lokal nahe Moosach vorstellig zu werden, in welchem es kaum ein Arbeitnehmer länger als zwei Wochen aushält? Werde ich wieder ungezählte Termine zum Probearbeiten wahr nehmen müssen, die zumeist nicht bezahlt werden, obwohl eine Entlohnung gesetzlich vorgeschrieben ist?…
… Meine Mieze schnurrt unermüdlich und behaglich. Es ähnelt sehr einem Mantra: Sei gaaaaanz ruhig, sei gaaaaanz ruhig… Aber schon zeigt sich das nächste, zerklüftete, schauerliche Angesicht… Ich werde auch wegen gesundheitlicher Gründe mein „Handwerk“ nicht mehr ausüben können. Ein leises, rechtsseitiges Hinken ist mir seit jeher schon zu Eigen gewesen, so lange ich denken kann. Ich kenne die Ursache nicht, habe noch niemals genauer nachforschen lassen, vermute, daß es mit der Hüfte zu tun haben könnte. Daß man vielleicht versäumt hatte, mir als Kleinkind eine Spreizhose zu verpassen. Ich habe dieses ungleiche Gehen eigentlich nie als Behinderung angesehen, eher als Laune der Natur. Mein Hinken muß sich im Laufe der letzten Jahre jedoch verstärkt haben, das wird mir selber zusehends bewußter. Dazu kommt noch, daß ich „Schlappfüße“ habe. Eine Fußheberschwäche, ein Überbleibsel des Bandscheibenvorfalls vor etwa zehn Jahren. Ich kann seit langem schon meine Zehen, meine Vorderfüße nicht mehr anheben. Und manchmal scheint die Verbindung zwischen dem Gehirn und den Beinen unterbrochen zu sein, und dann stolpere und falle ich. Du mußt dringendst zum Orthopäden, mußt bei der Agentur für Arbeit angeben, daß du körperliche Beschwerden hast, mahnt der mit stechenden Augen marternde Plagegeist. Und dann? Was wird dann aus mir? Bandscheibenoperation? Oder ein künstliches Hüftgelenk? Und danach? Eine staatlich verordnete Umschulung? Zu was? Oder gar Abschieben in die Frührente?…
… Irgendwo im Hause klappern metallen ein paar Briefschlitze. Dann tappert jemand die Treppe herab. Der Zeitungszusteller. Das erspart mir den Blick auf die Uhr, drei Uhr ist es jetzt…
… Ich vergrabe mein Gesicht im Bauchplüsch Smokey’s. Rrrrrr, rrrrrr, immer intensiver, genußvoller läuft ihr kleiner „Motor“… Florida, die Reise nach Florida. Und der Shuttle-Start. Ich sollte mich doch auf diese immer rascher näher rückenden zwei Wochen freuen! Tue ich ja auch! Schon! Aber während der nächtlichen Dämonenstunden ist da keine Freude mehr! Lediglich Sorgen. Weil ich mir diesen Urlaub überhaupt nicht leisten kann. Weil die wenigen, viel zu wenigen Euro, die mir verblieben sind, vernünftigerweise dazu gedacht sein sollen, mir das Überleben während der kommenden Monate zu sichern. Ich habe Hartz-IV beantragen müssen, weil das Arbeitslosengeld I grade mal 500 Euro monatlich beträgt. Ich bin ja bei meinen letzten Arbeitgebern nur als Teilzeitkraft bzw. geringfügig Beschäftigte gemeldet gewesen! Da bleiben mir nach Abzug sämtlicher Unkosten und finanzieller Verpflichtungen 100 Euro im Monat zum Leben! Jetzt mal eventuelle „Einkünfte“ durch die zweiwöchigen Lesungen nicht mit eingerechnet. Timo hat mit Nachdruck angeboten, die Florida-Reise komplett vorzufinanzieren, ich könne mir dann mit dem Zurückzahlen alle Zeit der Welt lassen. Er hat ein wahrhaft goldenes und riesiges Herz, und mir wird nichts anderes übrig bleiben, als darauf einzugehen. Aber ich habe ein ungutes Gefühl dabei, als würde ich einer anderen Person dadurch Macht über mich einräumen. Es setzt mich gehörig unter Druck. Weil ich eben nicht die geringste Ahnung habe, wie’s weiter gehen wird, was auf mich zukommen wird!
… Smokey schnurrt nicht mehr. Sie ist längst im Land der Träume, ihre Pfötchen zucken ab und an, sie schmatzt, als würde sie einen besonders feinen Leckerbissen fressen… Ich fühle mich so untätig, faul auch, unnütz, so, als wären mir die Hände gebunden, als zappele ich wie die Fliege im Leim. Seit Anfang September bereits habe ich etliche Bewerbungen laufen. Bis zum heutigen Tage habe ich auf keine einzige eine Antwort bekommen. Jetzt neue Bewerbungen zu starten, würde nur wenig Sinn machen. Wieder steht mir die Florida-Reise quasi im Weg. Auch mein Projekt als Vorleserin voran zu treiben, erübrigt sich zur Zeit. Ich würde gerne auf dem „Winter-Tollwood-Festival“ als Verkäuferin arbeiten. Aber man bekommt nirgendwo eine Liste der gemeldeten Händler! Vielleicht, vielleicht nehmen mich ja die Standlleute von der Mandelküche als Aushilfe für den Weihnachtsmarkt…
… Vorm Haus werden die Türen eines Lieferwagens aufgestossen, hölzerne Kisten scharren laut auf der Ladefläche. Der Gemüsehändler bestückt seinen kleinen Laden im Erdgeschoß. Wieder muß ich nicht nach der Uhr sehen. Halb sieben Uhr morgens…
… Nun beginnt die Folter der kleinen Monsterchen: Hast du schon jemanden ausfindig gemacht, der sich um die Smokey kümmert? Du mußt vor der Reise noch unbedingt zum Friseur. Hast du dir schon Gedanken über die nächste Lesung gemacht? Du müsstest diese und dein Buch besser bewerben! Du müsstest mal die Kulturredationen der Tageszeitungen anschreiben! Hoffentlich wird das Arbeitslosengeld bald überwiesen! Hoffentlich ist der Hartz-IV-Antrag bald bearbeitet! Hoffentlich ist der überhaupt dem Sachbearbeiter im Sozialbürgerhaus zugestellt worden! Wie nun, wenn die Post das dicke Kuvert verschlampt hat? So was ist schon mehr als einmal passiert! Ich muß dringendst meine täglichen Ausgaben reduzieren!…
… Mit rot geränderten, übermüden Augen starre ich im Bad auf ’s Spiegelbild. Meine Haut wirkt grau, schlaff, gealtert. Der nächtliche Kampf mit den Monstern und Dämonen, welche sich nach Tagesanbruch in die düsteren Gelasse meiner Seele zurück gezogen haben, steckt mir tief in den Knochen. Ich fühle mich ausgebrannt und zermürbt. Schlafen! Könnt ich doch nur endlich einmal wieder unbeschwert, angstfrei schlafen! Wenigstens eine Nacht lang…